1. Meinung

Das Bedürfnis, Exempel zu statuieren

Das Bedürfnis, Exempel zu statuieren

Jagdzeit in Deutschland. Das Kaliber, mit dem auf Bundespräsident Wulff gezielt wird, wird zwar immer kleiner, aber nach hinreichend langem Beschuss reicht auch ein Luftgewehr, um die geschwächte Beute zur Strecke zu bringen.

Zumal ihre Freunde immer stiller werden.
Nicht, dass Christian Wulff einem besonders leid tun müsste. Er hat getan, was (nahezu) jeder tut: mitgenommen, was sich im legalen Rahmen mitnehmen ließ. Ein Urlaub bei Freunden hier, ein günstiger Kredit da. Alles kein Ausweis von gutem Stil. Und dann die Herumeierei, die halbgaren Antworten, bis es nicht mehr anders ging. Das war keine Glanzleistung.
Aber es war - nach aktuellem Stand - auch kein Vorgang von besonderer moralischer Verwerflichkeit. Nicht nur, weil die Staatsanwaltschaft bislang keinerlei Anfangsverdacht für ein Ermittlungsverfahren sieht. Sondern auch deshalb, weil selbst Wulffs härteste Kritiker bis heute keinen belastbaren Hinweis darauf geliefert haben, dass der seinerzeitige Ministerpräsident jemandem Vorteile gewährt hätte, - dafür aber umso mehr Gerüchte und Mutmaßungen. Die sich, im Gegensatz zum anders gelegenen Fall Guttenberg, bis dato nicht mit Fakten untermauern ließen.
Wenn sich für eine Rücktrittsforderung in der Sache nicht genug ergibt, muss eben eine andere Ebene her. In diesem Fall Wulffs - wiederum nicht besonders geschickter - Anruf beim Bild-Chef. Der - oh Wunder - vom persönlichen Anrufbeantworter des Angerufenen irgendwie bei der Süddeutschen und der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung landete.
Ja und? Wenn alle Ministerpräsidenten, Oberbürgermeister oder Abgeordneten zurücktreten müssten, die jemals versucht haben, einen für sie missliebigen Artikel durch einen unfreundlichen Anruf beim Chefredakteur zu stoppen, dann wären Deutschlands Amtsstuben restlos entvölkert. Verhindert haben diese Versuche übrigens selten etwas. Eher im Gegenteil.
Man hat bisweilen den Eindruck, dass, je ratloser Politiker, Medien und Bürger den echten Problemen gegenüberstehen, das Bedürfnis zunimmt, Exempel zu statuieren. Je weniger Moral und Regeln eine Gesellschaft hat, umso makelloser sollen ihre Repräsentanten sein. Und wehe, einer weicht ab.
Ist es altmodisch, da an Johannes, Kapitel 8 zu erinnern: "Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein." Wer noch keinen Schwarzarbeiter beschäftigt, keine Versicherung begaunert, kein Tempolimit überschritten hat, der mag sich echauffieren. Über Wulff und andere. Und wer noch nie einen Presserabatt genutzt hat, soll meinetwegen weiterhin den Bundespräsidenten in Leitartikeln geißeln. Viele werden das nicht sein. Alle anderen täten besser daran, das Prinzip der Verhältnismäßigkeit nicht völlig zu vergessen.
d.lintz@volksfreund.de