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Das Geschäft mit dem Hunger

Das Geschäft mit dem Hunger

In Deutschland werden die Brötchen teurer. Der Grund dafür ist schnell gefunden: Die deutschen Landwirte werden 2012 weniger Getreide in ihre Speicher einfahren als in einem Durchschnittsjahr.

Da greift der marktwirtschaftliche Grundsatz: Knappes Gut, weiterhin hohe Nachfrage, der Preis steigt. Doch es gibt so gut wie keine geschlossenen Märkte mehr, und die Situation ist viel dramatischer als nur auf deutschen Feldern und in deutschen Backstuben. Weltweit sind die Ernten in diesem Jahr Opfer verheerender Dürreperioden geworden. Vor allem in Indien und in den USA sind die Ausfälle erheblich. Die bereits jetzt als historisch titulierte Hitze lässt die Mais- und Sojaernte in den USA um fast 20 Prozent schrumpfen. Für beide Produkte sind die Vereinigten Staaten weltweit Hauptexporteur.
Die Situation wird durch die Lage in Indien verschärft. In diesem Jahr fielen die Monsunregen weit schwächer aus als sonst. Auch hier werden die Ernten um etwa 20 Prozent zurückgehen. Das Land wird es nicht alleine schaffen, seine 1,2 Milliarden Menschen zu ernähren. Lebensmittel sind weltweit so knapp wie bei den Hungerkatastrophen 2008 und 2010. Damals starben Hunderttausende Menschen, vor allem in den ärmsten Ländern Afrikas. Dutzende Millionen Menschen hungerten laut Weltbank. Bei knappen Lebensmitteln und dramatisch steigenden Preisen sind es die Armen, die darunter leiden und sterben.
Sind daran Spekulanten schuld? Ja, wenn auch nur teilweise. Sie sind eigentlich nur die Spitze einer Entwicklung und verstärken die Ausschläge. Die Verbraucherorganisation Foodwatch hat hier zumindest etwas bewegt. Nach massiven Protesten der Organisation ist beispielsweise die Commerzbank aus dem Spekulationsgeschäft mit Nahrungsmitteln ausgestiegen. Andere Spekulanten wie die Deutsche Bank prüfen noch ihr Verhalten und ihre Geschäfte. Ein Teilerfolg? Wohl eher ein Tropfen auf den heißen Stein, aber ein Anfang. Den versucht nun auch Entwicklungsminister Niebel (FDP) zu finden. Der Liberale, der in seinem Amt bisher allenfalls durch Pannen und Fettnäpfchen aufgefallen ist, fordert, sofort den Biosprit E 10 vom Markt zu nehmen. Kritiker bremsen, in Deutschland gingen gerade einmal vier Prozent der Getreideernte in die Bioethanolproduktion. Doch während in Deutschland nur die Brötchen teurer werden, bedeutet dies, dass in armen Ländern Menschen hungern. Und so hat Niebel recht, wenn er behauptet, Biosprit sei Schuld an der drohenden globalen Hungersnot.
Gut 40 Prozent der US-amerikanischen Maisernte landet im Tank statt auf dem Teller. Wer Anbauflächen für Lebensmittel verknappt, ob durch Stilllegung oder andere Nutzung, trägt eine Mitschuld am Hunger in der Welt. Die G-20-Staaten der führenden Industrienationen und Schwellenländer haben nach den Hungersnöten 2008 und 2010 verabredet, solchen Katastrophen entgegenzutreten. Bisher haben sie sich noch nicht bewegt.
h.waschbuesch@volksfreund.de