1. Meinung

Das Marx-Jahr in Trier beginnt - endlich ...

Die Woche im Blick : Der schwarz-weiße Karl Marx

Wie schlägt Trier aus Marx Kapital? Die Stadt sucht noch immer ihren Weg, mit dem umstrittenen Sohn umzugehen.

Endlich ist es so weit – die Marx-Ausstellungen sind eröffnet, das Festjahr startet auch in Trier offiziell. Endlich, nicht weil ich etwa großer Anhänger des Ökonomen und Philosophen bin, sondern weil nun die Diskussion über den Umgang mit dem unbequemen Sohn der Stadt in Trier geführt werden kann. Wie war das Leben zu Marx’ Zeiten, welche Lehren zog er daraus, was wurde mit oder gegen seinen Willen daraus? Vier Ausstellungen bieten Hintergründe und Einblicke – und die Chance, nicht nur Schwarz und Weiß zu sehen.

Denn bisher ist die Auseinandersetzung in genau diesen Farben abgelaufen. Die einen sehen Marx‘ Lehren plötzlich als allumfassende Erklärung aller Entwicklungen, sie ernennen ihn zum Propheten der Finanzkrise und bauen ihm einen wirtschaftswissenschaftlichen Thron, der bei näherer Betrachtung leicht ins Wanken gerät. Die anderen schreiben Marx alles zu, was in seinem Namen an Unrecht geschehen ist und heben ihn persönlich zum Diktatoren hoch. Diese Positionen sind – selbst bei unwissenschaftlicher Verwendung aller dialektischen Methoden – nicht zu vereinen. Doch die Einordnung von Marx und vor allem seiner Lehren in die Zeit, in der er lebte, hilft beim Verständnis. Und dabei können die Ausstellungen, Vorträge und Symposien in den nächsten Monaten hoffentlich eine entscheidende Rolle spielen.

Ist Ihnen jetzt schon zu viel Marx in unserer Zeitung? Dann vielleicht auch deshalb, weil in den vergangenen Monaten häufig von Ampelmännchen und Bade-Enten mit Marx-Bart die Rede war. Zugegeben: Mir fehlte bei vielen Erklärungen und Veranstaltungen ebenfalls die kritische Einordnung. Nun geben Museen und Dom unter anderem Einblicke in die Arbeitsbedingungen des 19. Jahrhunderts. Wer heutzutage eine Fabrik – zumindest in den fortschrittlichen Ländern – besucht, wird schnell feststellen, dass sich hier vieles geändert hat. Ja, es gibt immer noch Fließbandarbeit. Doch der Kapitalismus und die Marktwirtschaft haben sich nicht so entwickelt wie von Marx vorhergesagt. Bei allen Problemen, die es immer noch gibt. Wir diskutieren heute über andere Arten von Armut, und es gibt viele gute Nachrichten mit Blick auf die Entwicklung unserer Gesellschaft. Insgesamt ist der Kapitalismus wesentlich anpassungsfähiger gewesen, als Marx es sich je erträumt hätte.

Die Antwort auf die Frage, ob der Sozialismus oder der Kapitalismus sich durchsetzen, ist übrigens bereits gegeben worden. Es gibt eine dritte Spielart, die trotz aller Schwächen immer noch das Beste aus verschiedenen Gesellschaftsmodellen vereint: die soziale Marktwirtschaft. Für sie lohnt es sich zu kämpfen. Es lohnt sich, sie zu verbessern, an ihr zu arbeiten und um die Details der Umsetzung vor Ort immer wieder zu streiten. Die Marktwirtschaft ordnet sich in unserem System der Demokratie unter – vollkommen zu Recht forderte etwa bei einer tiefgehenden Diskussion im April in Trier der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, Michael Hüther, unser Land brauche keine marktkonforme Demokratie, sondern eine demokratiekonforme Wirtschaft. Hüthers Gesprächspartner an diesem Tag, Kardinal Reinhard Marx, betonte übrigens ebenfalls, dass Sozialstaat und die Marktwirtschaft zusammengehören.

Werden wir dies auch von denen hören, die Marx’ Thesen in den vergangenen Monaten so hoch leben ließen? Wir werden dies für Sie im Blick behalten. Und wir werden uns bemühen, die Wirklichkeit so darzustellen wie sie ist. Selten schwarz, selten weiß, oft grau in verschiedenen Nuancen, mal etwas heller, mal etwas dunkler. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein spannendes und vor allem friedliches Wochenende und rate Ihnen: Machen Sie sich Ihr eigenes Marx-Bild! Anregungen dazu bieten wir Ihnen unter anderem auf volksfreund.de/marx

t.roth@volksfreund.de