Dem fußlahmen Riesen Beine machen

Dem fußlahmen Riesen Beine machen

Die Großregion zwischen Saarbrücken und Namur, Nancy und Kaiserslautern, Trier und Luxemburg ist ein schlafender Riese. Elf Millionen Einwohner stark, mit einer beachtlichen Infrastruktur, einem pulsierenden Wirtschaftszentrum in der Mitte, zentral gelegen in Europa, gesegnet mit einem spannenden Mix aus Tourismus, Landwirtschaft, Industrie und Dienstleistung.

Aber völlig fußlahm, weil zu einem koordinierten Vorgehen unfähig.
Die Bilanz ist insgesamt ernüchternd. Verkehr, Hochschulen, Kultur, Wirtschaft, Umwelt: Überall wird getagt und konferiert, beraten und korrespondiert. Nur Ergebnisse sind weitgehend Mangelware. Selbst die Gipfeltreffen verbreiten längst keinen Glanz mehr, den Becks und Junckers ist offensichtlich die Lust abhandengekommen, das mühsame Geschäft der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit zu betreiben.
Das einzige, was stetig und verlässlich funktioniert, ist die Bürokratie. Vor allem, sobald es darum geht, irgendwo einen Euro für Projekte zu mobilisieren. Selbst gestandene Verwaltungen müssen sich fragen, ob es sich lohnt, das nötige Fachpersonal zur Formulierung und korrekten Abwicklung von Förderanträgen zu bezahlen - oder ob es nicht billiger ist, es ganz zu lassen. Und Nicht-Verwaltungen, also Vereine oder Initiativen fühlen sich im Umgang mit irgendwelchen Genehmigungs-Instanzen in Lothringen oder Wallonien so ähnlich wie Ephraim Kishon anlässlich des Baus des berühmten Blaumilchkanals.
Was läuft da schief, wenn selbst der zuständige Interparlamentarierrat offenkundig nicht weiter weiß? Das Problem ist schnell benannt: Handlungsfähigkeit setzt Handlungskompetenz vor Ort voraus. Die gibt es beispielsweise in Luxemburg. In Lothringen hingegen entscheidet nicht Metz, sondern Paris. In Rheinland-Pfalz entscheidet nicht Trier, sondern Mainz. Beides ist etwa gleich weit weg vom Schuss - und damit auch von der Lebenswirklichkeit im Dreiländereck. Belgien und das Saarland haben andere Sorgen, sie kämpfen um den Erhalt ihrer nackten Existenz. Da werden keine weltbewegenden Initiativen kommen.
Zugegeben, die Sache ist kompliziert. Da agieren Staaten, Länder und Kommunen auf verschiedenen Ebenen. Aber mit dem nötigen politischen Nachdruck ließe sich mehr realisieren als der aktuelle Stillstand.
Zumal die Bürger längst viel weiter sind. Grenzüberschreitend arbeiten, Aufträge schreiben, einkaufen, ihre Freizeit gestalten, Kultur genießen. Es sind nicht die Bürger, es sind die Funktionäre, die nachhinken. Und so lange sie das tun, wird der Riese weiter schlafen.
d.lintz@volksfreund.de

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