| 20:12 Uhr

Die Woche im Blick
Hallo, Echo!

Chefredakteur Thomas Roth
Chefredakteur Thomas Roth FOTO: Friedemann Vetter / TV
Rebellieren gehört zur Jugend. Das zeigt sich an vielem – Kleidung, Verhalten und Musik-Idolen. Ein Blick auf den Echo-Preis und den Widerhall dumpfer Texte. Von Thomas Roth

Zum Pubertieren, zum Erwachsenwerden gehört bei fast allen Jugendlichen eine Phase des Aufstands, mal lange und ausgeprägter, mal nur kurz aufblitzend. Die Lieder der Älteren sind nicht mehr angesagt. Oft ist die Musik der Jüngeren aggressiver, die Texte sind provokanter, die Wortwahl schärfer. Früher war es Rockmusik, dann Heavy Metal, in Teilen elektronische Musik.

Viele Jüngere finden heute ihre Anti-Haltung, das Aufbegehren, in der Rap-Musik wieder. Da werden andere gedisst – der Duden übersetzt dies noch charmant mit „verächtlich gemacht“. Im Battle-Rap ist der andere der Gegner, deutlich ausgedrückt: das kleine Würstchen, das nicht texten kann und das man mit Punchlines – pointierten Sprüchen – treffen will. Es gehört zum Rap, Grenzen zu überschreiten. Gewaltdrohungen sind Standard, ebenso wie sexistische Sprüche. Dass fast nur Männer erfolgreich sind, ist nicht Zufall, sondern Konzept.

Ein Skandal ist das alleine noch nicht. Denn manch einer, der heute brav im Büro arbeitet und sich aufregt, sollte kurz auf die eigene Jugend und den eigenen Musikgeschmack blicken. Auf Rockmusik, die Drogen verherrlichte, auf Schock-Rocker wie Ozzy Osbourne, der einer Fledermaus den Kopf abbiss und angeblich nicht wusste, dass sie echt war und noch lebte, oder auf Motörhead mit dem mittlerweile verblichenen Lemmy Kilmister, der Nazi-Devotionalien sammelte. Der Frontmann, der sagte: „Man kann Rock ’n’ Roll nicht analysieren.“ Den dahinter folgenden sexuellen Vergleich spare ich mir, um nicht selbst als Provokateur zu gelten. Der Gedanke aber ist ein durchaus nachvollziehbarer: Die politische Korrektheit wird bewusst gebrochen. Oder ganz simpel, am Anfang jedes Konzerts der Rocker ausgesprochen: „We are Motörhead and we play Rock ‘n‘ Roll.“

Und gibt es dann keine Grenzen mehr? Ist alles erlaubt? Das bestimmt nicht. Um Grenzen ging es in dieser Woche im Nachgang zur Echo-Preisverleihung, bei der die Rapper Kollegah und Farid Bang einen Preis erhielten. Schon an dem Abend monierte Tote-Hosen-Sänger Campino, dass die beiden ebensolche überschritten hätten. Ein Songtext wie „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“ sei nicht hinzunehmen. Eines ist bei aller Diskussion, was wann antisemitisch ist, übrigens ganz sicher: Die beiden Rapper haben dicke Arme, dicke Brieftaschen und wohl auch dicke Autos. Klein ausgeprägt, wenn überhaupt vorhanden, ist bei beiden dagegen das Verständnis für andere, für die genannten Linien, die selbst Rapper nicht übertreten sollten. Die Texte der beiden sind nicht durchgehend, aber an vielen Stellen dämlich und klischeehaft. Frauenverachtend – nicht nur etwas. Judenverachtend – ebenfalls. Das zeigt sich in der Symbolik der Videos. Da steht der Davidstern für das Böse – keineswegs als Entschuldigung gilt dann ein Spruch wie „Man wird doch noch Israel kritisieren dürfen.“

Das Peinliche am Echo-Skandal für die Veranstalter: Er war vorherzusehen. Auch wenn es bis zum großen Aufschrei vieler Künstler lange dauerte – teils, weil sie gar nicht wussten, wer da mit ihnen im Raum saß, teils, weil es eben einfacher ist, im Nachhinein Kritik zu üben –, er kam doch noch. Und er kam zu Recht.

Was hilft nun gegen Verschwörungstheoretiker, gegen Antisemiten ebenso wie Dumpfbacken? Einerseits, wie es mein Kollege Stefan Vetter treffend schreibt, Bildung und Aufklärung. Ganz nebenbei: Auch wenn es Eltern schwerfallen mag: Sie sind gefragt, den Dialog zu suchen. Sie müssen darauf hinweisen, wenn andere beleidigt und ausgeschlossen werden. Andererseits hilft aber zudem, den Klischee-Rappern keine große Bühne zu bieten. Es geht nicht um Zensur. Selbst dumpfe, aggressive, andere ausgrenzende Texte sind erlaubt. Wenn es zu weit geht, müssen Gerichte einschreiten. Eine Echo-Verleihung im Fernsehen darf aber nicht für jeden Schwachsinn zu haben sein. Hier geht es nicht um Zensur, sondern um das Recht, sich nur die Gäste einladen zu können, die man selbst haben möchte.In diesem Sinne: Genießen Sie Ihr Wochenende, und bilden Sie sich gerne Ihr eigenes Urteil – ich warne aber vorab: Der beschriebene Text ist schwer zu ertragen. t.roth@volksfreund.de