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Die Woche im Blick
Der Wunsch nach dem perfekten Kind

FOTO: TV / Friedemann Vetter
Die Debatte um den Gentest zur Erkennung des Down-Syndroms in dieser Woche war eine spannende. Es ging im Bundestag um ethische Fragen, es ging darum, wie weit Diagnostik gehen darf, und darum, wie sehr unsere Gesellschaft Behinderte einbindet oder ausgrenzt. Von Thomas Roth

Wer die Diskussion verfolgt hat, andererseits aber werdende Eltern offen fragt, was sie sich wünschen, oder den Blick auf die zunehmende Zahl von Bluttests wirft, kann aber leicht zu einem Schluss kommen: Die so groß geführte Ethikdebatte ist von der Realität längst überholt worden. Der Wunsch nach dem perfekten Kind ist viel verbreiteter, als es manche wahrhaben wollen. Natürlich muss es immer Grenzen für Tests geben. Natürlich müssen wir alle uns diese Frage stellen. Doch die Entwicklung ist in den vergangenen Jahren eindeutig. Werdende Eltern lassen viel mehr abklären als früher.

Es lässt sich trefflich darüber streiten, ob das richtig ist, aber wer es sich leisten kann, lässt in den meisten Fällen eher einen Test mehr durchführen als einen weniger.

Ganz nebenbei: Der Bundestag sollte dem letztlich entscheidenden Gemeinsamen Bundesausschuss nur eine Orientierung geben. Die Kassenvertreter und Ärzte entscheiden darüber, ob der Test auf Trisomie 21 zur Kassenleistung werden soll. Und die Ausschussmitglieder haben schon einen durchaus ausgewogenen Vorschlag gemacht. Sie wollen den Bluttest zur Kassenleistung machen. Allerdings zunächst nur für Risikoschwangerschaften. Die absurde Situation bei diesen ist bisher folgende: Die riskantere Fruchtwasseruntersuchung wird bezahlt, der Bluttest nicht. Oder deutlicher: Die Reichen können sich den Bluttest leisten, die Ärmeren müssen die gefährlichere Variante wählen. Dass dies so nicht bleiben wird, ist absehbar und richtig.

Ebenfalls gestritten wurde im Bundestag, wie werdende Eltern beraten werden, falls es Hinweise auf eine Behinderung gibt. Und es kann überhaupt keinen Zweifel daran geben, dass hier noch mehr Angebote nötig sind, dass Experten wirklich unabhängig beraten müssen. Ebenso nicht umstritten darf sein, dass Behinderten und ihren Angehörigen noch stärker geholfen werden muss. Inklusion ist ein oft gehörtes Wort. Wenn dafür die Mittel fehlen, etwa in mancher Schule, bleibt es aber bei großen Debatten, die viele Betroffene vor Ort nicht erreichen.

Solange dies so ist, solange die Diskussionen nur eine bestimmte, eher hochgebildete Schicht erreichen, können sich Politiker und auch Journalisten viele Gedanken machen, was angebracht und was vertretbar ist. Die Realität ist aber folgende: Der Wunsch nach dem perfekten Kind ist längst verbreitet, und er wird durch manche übertriebene Schlagzeile von Wundertests oder Wundermethoden weiter verstärkt. Dabei wissen alle Eltern, egal ob sie ein Kind mit oder ohne Behinderung haben: Für ein glückliches Familienleben ist es entscheidend, wie wir miteinander umgehen. Mit allen unseren starken Seiten, aber eben auch mit den Seiten an uns, die nie perfekt sein werden – und das ist auch gut so.

t.roth@volksfreund.de