Die Bahn und die Pünktlichkeit: Ein schlauer Zug

Die Bahn und die Pünktlichkeit: Ein schlauer Zug

Das war gestern eine Charme-Offensive der Bahn. Und ein Gegenschlag zugleich. Genervt vom ewigen Genörgel an der Unpünktlichkeit der Züge und verärgert von einer Studie der Stiftung Warentest, nach der über ein Drittel aller Fernzüge Verspätung hat, legt die Bahn jetzt monatlich ihre eigene Statistik vor. Das ist ein schlauer Zug.

Die Maßnahme kostet nichts, die Statistik kommt aus der eigenen Schublade, und mit ihr lässt sich das ramponierte Image aufpolieren. Die Frage ist allerdings, ob die neue Pünktlichkeitserhebung auch wirklich etwas für den Kunden bewirkt. Wohl nicht, denn laut Bahn ist ja alles in Butter.
Das wiederum stimmt aber nicht. In der Tat hat der Konzern damit recht, dass das System so komplex und anfällig von außen ist, dass sich Verspätungen nicht ausschließen lassen. Richtig ist auch, dass die Menschen offenbar eher bereit sind, Unpünktlichkeiten beim Flieger in Kauf zu nehmen als beim Zug. Das Service-Unternehmen verkennt jedoch den schlichten Umstand, dass deutlich mehr Menschen die Bahn benutzen als das Flugzeug.
Vor allem aber besteht zwischen statistischer und tatsächlich erlebter Unpünktlichkeit immer noch ein feiner Unterschied.
Wer bei Eiseskälte am Gleis warten muss, wer einen wichtigen Anschluss verpasst, den interessiert das statistische Mittel nicht.
Die Bahn macht es sich einfach, indem sie Pünktlichkeit anders definiert als viele ihrer Gäste. So gelten fünf Minuten Verspätung immer noch als pünktlich. Da ist man in anderen Ländern deutlich kleinlicher. Mehr Offenheit ist zweifellos lobenswert. Nur das allein reicht nicht.

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