| 20:36 Uhr

Die Bugwelle des Pflegenotstands

Meistens tauchen bundesweite Trends in der Region Trier mit gebührender Verspätung auf. Diesmal ist es leider umgekehrt: Wegen der Nähe zu Luxemburg kommt die Bugwelle des Pflegenotstands hierzulande früher an als im Rest der Republik. meinung dieter lintz


Es sieht so aus, als seien sich die Verantwortlichen vor Ort und in Mainz dieser Situation bewusst. Jede Maßnahme, die helfen kann, die Situation zu entschärfen, ist willkommen. Die Werbung für Pflegeberufe, das Forum für Gesundheitswirtschaft, ein Studiengang für Pflege: alles richtige Schritte. Sie sollten beschleunigt werden. Krankenhäuser und Pflegeträger sind gefordert, in dieser Überlebensfrage keine Konkurrenzen pflegen, sondern an einem Strang ziehen.
Trotz allem: Der Pflegenotstand ist kein spezifisches Trie rer Problem, und er wird auch nur sehr begrenzt mit örtlichen Maßnahmen zu bekämpfen sein. So langsam dämmert uns die Erkenntnis, dass der medizinische Fortschritt einerseits und die Abkehr von der Pflege als Familienaufgabe andererseits zu einer riesigen Bedarfssteigerung im Bereich der professionellen Betreuung führen. Anders formuliert: Wenn wir Babyboomer alle sehr alt werden, aber keine Kinder mehr haben, die uns im letzten Lebensabschnitt pflegen, dann müssen wir enorm viel Geld für Menschen ausgeben, die diese Aufgabe übernehmen.
Darüber kann man jammern, aber es ist nur die Konsequenz aus der mangelnden Bereitschaft unserer Generation, Kinder in die Welt zu setzen - und aus der geforderten Mobilität, die uns in alle Himmelsrichtungen verstreut hat. Wer eine ordentliche Pflege am Lebensabend will, muss frühzeitig einen weit größeren Anteil seines Einkommens dafür investieren, als wir es bisher getan haben.
Nur die (Bundes-)Politik scheint den Ernst der Lage nicht zu begreifen. Das erbärmliche Pflegereförmchen, die lachhafte Beitragserhöhung: Pseudo-Politik. Es fehlt die Einsicht, dass die Sicherung eines Minimal-Pflegestandards eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, an der sich alle beteiligen müssen - vorrangig diejenigen mit den breiten Schultern.
Es bleibt nicht viel Zeit. Wenn es nicht schnell gelingt, die Pflege als qualifizierten, anerkannten und angemessen honorierten Beruf zu etablieren, wenn es keine verlässlichen finanziellen Rahmendaten für die Entwicklung der Pflegelandschaft gibt, dann werden wir eines nicht allzu fernen Tages die Zeche für unsere Versäumnisse zahlen.

d.lintz@volksfreund.de