Die Geste zählt

Das hat sich noch kein Spitzenpolitiker, kein Kanzlerkandidat getraut: Eine Woche vor der Bundestagswahl lässt sich Peer Steinbrück mit dem Stinkefinger ablichten. Dergleichen ist bislang nur aus der Welt des Sports überliefert, als ein Stefan Effenberg bei der Fußball-WM 1994 auf diese Weise die deutschen Fans provozierte und dafür nach Hause geschickt wurde.


Inzwischen sind fast zwei Jahrzehnte ins Land gegangen. Und man darf getrost festhalten, dass sich in dieser Zeit nicht nur der Sport verändert hat, sondern auch die Politik. Mittlerweile zählen oft Gesten mehr als Inhalte. Wie sonst ist es zu erklären, dass die Union in Berlin ein Riesen-Wahlplakat aufgehängt hat, auf dem außer dem CDU-Logo nur die Hände von Angela Merkel zu sehen sind. Kritiker, darunter natürlich die SPD, haben das als substanzlos eingestuft, was ja auch nicht ganz von der Hand zu weisen ist.
Nun fällt Steinbrücks provokante Geste auf die Sozialdemokraten zurück. Was soll man von einem Herausforderer halten, der kurz vor dem Urnengang den Polit-Clown spielt? Gewiss, vielen Menschen sind die politischen Rituale zuwider, sie wünschen sich mehr Lockerheit statt Spießigkeit und sicher auch mehr Humor. Allerdings kann Humor auch peinlich wirken, zumal bei einem Mann wie Peer Steinbrück, dessen Kandidatenschaft von zahlreichen Fettnäpfchen flankiert ist. Der Herausforderer war gerade dabei, diese Scharte erfolgreich auszuwetzen. Dafür sprechen der zuletzt leichte Sympathiezuwachs für seine Partei und die steigende Nervosität bei der politischen Konkurrenz. Doch nun scheint der Kandidat in alte Verhaltensmuster zurückgefallen zu sein. Und seine Gegner dürfen sich bestätigt fühlen.
Warum Steinbrück selbst zur Entpolitisierung dieses Wahlkampfes beigetragen hat, die er Merkel so vehement vorwirft, bleibt sein Geheimnis.
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