1. Meinung

Die Nato wollte Putin schwächen - nun wächst sie um Finnland und ist stärker als zuvor

Die Woche im Blick : Die Zeitenwende ist Putins Werk

Finnland will so schnell als möglich in die Nato, Schweden könnte bald folgen. Wenn Putin das Militärbündnis schwächen wollte, hat er nun das Gegenteil erreicht.

Seit gestern gibt es sie wirklich: Die Zeitenwende, die Wladimir Putin mit seinem Angriff auf die Ukraine ausgelöst hat und von der Politiker wie Bundeskanzler Olaf Scholz sprechen.

Allerdings: Diese Zeitenwende gibt es vor allem in Ländern, die direkt an Russland grenzen oder zumindest nahe sind. So hat Finnland angekündigt, der Nato „unverzüglich“ beitreten zu wollen und voraussichtlich wird Schweden bald folgen. Damit wollen zwei Länder, die lange ihre Neutralität betont haben, dem westlichen Militärbündnis beitreten. Dieses wird, anders als bei dem Ersuchen der Ukraine, nicht zögern, die Aufnahme zu vollziehen. Und dies aus gutem Grund – auch weil die beiden Länder sich derzeit nicht bereits im Krieg befinden, aber eben nicht nur. Schweden und Finnland sind seit langer Zeit gefestigte Demokratien und berechenbare Partner, unter anderem EU-Mitglieder seit 1995. Was Putin komplett falsch eingeschätzt hat, sind die Folgen seines Angriffs auf die Ukraine. Wenn er hoffte, die Nato zu schwächen und entfernt zu halten, erreichte er nun das Gegenteil. Zwei neutrale Länder beziehen Position – nach dem Überfall sind dort die Zustimmungswerte für einen Nato-Beitritt deutlich gestiegen. Kleiner Rückblick: Den Finnen ist die Neutralität einst von Russland aufgezwungen worden. Nun macht das Land deutlich, dass es sich endgültig befreit hat und von seiner Souveränität Gebrauch macht.

Putin hat es zudem geschafft, die Länder des Militärbündnisses wieder zusammenzuführen. Sprach der frühere US-Präsident Donald Trump von einem Austritt aus der Nato oder bezeichnete der französische Präsident Emmanuel Macron sie als „hirntot“, sind die Länder nun deutlich einiger.

Erhöht sich aber die Gefahr, dass Putin sich bedroht fühlt? Diese Frage kann niemand von außen beantworten. Klar ist aber: Ein Angreifer kann nicht damit rechnen, dass sich ihm weitere Länder unterwerfen. Und dass sich andere zusammenschließen, um Schutz zu suchen, ist nicht deren Fehler, sondern deren gutes Recht. Insofern ist die jetzige Erweiterung Putins eigenes Werk, so paradox es klingt.

t.roth@volksfreund.de