1. Meinung

Die Schotten sind doch ganz vernünftig

Die Schotten sind doch ganz vernünftig

Mehrheitlich haben die Wähler in Schottland es abgelehnt, das Land von Großbritannien unabhängig zu machen. Diese Bürger haben klug gehandelt. Denn es geht bei der Frage der Unabhängigkeit nicht allein um wirtschaftliche oder politische Vorteile. Ein Kommentar von Oliver Haustein-Teßmer

Aus zwei Gründen ist der Ausgang des Referendums in Schottland gut. Einerseits hat sich die Mehrheit der Schotten vernünftig verhalten und mit ihrem Nein zur Unabhängigkeit gegen nationalen Egoismus gestimmt. Zum anderen wird es nun eine Debatte innerhalb Großbritanniens um mehr föderale Rechte der Teilstaaten - auch für England, Nordirland und Wales - geben.

Hilfreich wäre ein Ja - für das immerhin knapp 45 Prozent gestimmt haben - zur Unabhängigkeit von den Briten jedenfalls nicht gewesen. Denn obwohl viele Schotten zu Recht unzufrieden mit der Zentralregierung in London sind, besitzt die Mitgliedschaft in einem der politisch wie wirtschaftlich wichtigsten Staaten der Erde Vorteile. Dazu zählen der gemeinsame Markt, die gemeinsame politische und soziale Verantwortung für die Entwicklung des EU-Mitglieds Großbritannien.

Eben diese Mitgliedschaft in der noch größeren Europäischen Union ist eine Errungenschaft. Abgesehen davon, dass für ein unabhängiges Schottland zunächst einmal grundsätzlich zu klären gewesen wäre, wie das Verhältnis zur EU aussähe, stand bei dieser Abstimmung deswegen sehr viel auf dem Spiel.

Die Überwindung von Kleinstaaterei aus vordemokratischen Zeiten, von Zollschranken, der jahrzehntelange Prozess der britisch-europäischen Annäherung und Zusammenarbeit, all dies war mit dem Referendum infrage gestellt worden. An die Stelle solcher Werte trat im Wahlkampf des bisherigen schottischen Premiers Alex Salmond eine "Braveheart"-Ideologie, zwar als Freiheitskampf verkauft, aber mit egoistischen Motiven durchsetzt - wie jenem, besser allein vom schottischen Ölreichtum zu profitieren.

Eines aber haben Salmond und seine Anhänger erreicht. Die britische Regierung will nun über weitergehende föderale Strukturen sprechen, die auch von Teilen der Bevölkerung in den übrigen Teilstaaten nun eingefordert werden. Das ist nicht verkehrt, aber auch kein einfacher Weg. Dies zeigen die Debatten in der Bundesrepublik Deutschland, beispielsweise über den Länderfinanzausgleich oder die Hoheit über das Bildungswesen, immer aufs Neue. Aber einen Versuch ist es wert.

oht@volksfreund.de