1. Meinung

Die Situation ist alarmierend

Die Situation ist alarmierend

Auf der einen Seite sind die Silver-Surfer, die Best-Ager, die Woopies: die wohlhabenden, fitten, technikinteressierten Alten, für die die Marketingsprache mehr als nur einen Anglizismus erfunden hat. Denn sie lassen die Marktwirtschaft brummen.

Auf dieser Seite ist der Überfluss. Da ist die Wegwerfgesellschaft. Da ist der Joghurt, den niemand mehr kauft, weil er in drei Tagen sein Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht.
Auf der anderen Seite ist eine Armut, die kaum jemand zu Gesicht bekommt. Da sind Menschen, die sich freuen, von den Tafeln einen Joghurt geschenkt zu bekommen, den andere nicht mehr wollen. Und da ist eine große Scham. Der Eingang zur Trierer Tafel liegt wohl nicht umsonst auf der Rückseite des Hauses. Denn viele der Menschen, die dort anstehen, wollen lieber nicht von ihren Nachbarn gesehen werden.
Dass sich dennoch immer mehr Senioren in solche Schlangen einreihen, ist alarmierend. Ein ebenso schlechtes Zeichen ist die Tatsache, dass die Zahl der Menschen, die im Alter auf eine Grundsicherung angewiesen sind, immer weiter steigt. Und absolut erschreckend ist die Durchschnittshöhe der Frauenrenten rings um Trier. 325 Euro im Eifelkreis Bitburg-Prüm! Wie soll man denn davon leben?
Und wie soll das alles weitergehen, wenn die Rente absehbar noch sinkt? Wohlfahrtsverbände prognostizieren einen dramatischen Anstieg der Altersarmut.
So schön es ist, dass es Tafeln und andere soziale Einrichtungen gibt, die den bedürftigen Senioren durch den Alltag helfen - sie können das Problem nicht lösen. Das muss auf politischer Ebene geschehen. Es darf nicht sein, dass Menschen, die womöglich ihr ganzes Leben lang gearbeitet haben, am Ende mit fast nichts dastehen.
Ein Mindestlohn muss her, der einen Mindest-Lebensstandard ebenso ermöglicht wie eine Rente, von der man - wenn vielleicht auch bescheiden - leben kann.
Auch kann von einer Gleichberechtigung der Frauen keine Rede sein, solange sie am Ende ihres Lebens so viel weniger Geld haben. Bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist nach wie vor viel zu tun. Und über die Rentenkürzungen sollte man noch einmal nachdenken.
Was jeder Einzelne tun kann, ist, rechtzeitig an morgen zu denken. Und im Rahmen seiner Möglichkeiten vorzusorgen. Damit er im Alter nicht auch auf Almosen angewiesen ist.
k.hammermann@volksfreund.de