Die Welt - ungeschminkt

Die Welt - ungeschminkt

In Kopenhagen ist eine Illusion zerbrochen. Nämlich die, dass die 192 Staats- und Regierungschefs dieser Erde eine Elite darstellen, quasi einen Konvent der Weisen, der alles zum Wohle der Menschheit wenden könne und werde.


Kopenhagen war ganz im Gegenteil eine Versammlung der wenigen Vernünftigen und der vielen Eitlen, Egoisten, Unfähigen (darunter die dänische Sitzungsleitung) oder auch schlichtweg Verrückten. Aber als solche war sie ein Spiegel der Welt, so wie sie ist, jeden morgen, wenn sie aufsteht. Ungeschminkt. Die Menschen, die diese 192 Staats- und Regierungschefs vertraten, sind ja nicht viel anders. Wer an dem Tag, als Kopenhagen scheiterte, zum Beispiel das deutsche Fernsehprogramm verfolgte, konnte durchaus den Eindruck gewinnen, dass es Wichtigeres gibt. Fußball und Talentshows etwa. Ach ja, ausgebuchte Kanaren-Flüge wurden auch vermeldet.

Kopenhagen hat erwiesen, dass die Menschheit zu einem gemeinsamen globalen Handeln gegen eine erst später auftretende Katastrophe strukturell nicht fähig und politisch nicht willens ist. Demokratien nicht, wie der Fall der USA zeigt, die wesentlich zum Scheitern beitrugen. Allerdings ist dafür nicht nur die Regierung Obama verantwortlich. Sondern eine ignorante Bevölkerungsmehrheit, die schon geringste Reduktionen als Zumutung betrachtet. Und Diktaturen wie China lassen sich erst recht nicht durch weltweite Abkommen die Hände binden. Die Macht der Herrschenden ist dort zunehmend an das rasante Wirtschaftswachstum gekoppelt und das wiederum an billige fossile Energien.

Wo Illusionen zerbrechen wächst gleichzeitig der Realismus. Kopenhagen hat gezeigt: Es bringt nichts, auf eine große Entscheidungssituation zuzusteuern, die die Weltgemeinschaft offenbar überfordert. Der Klimaschutz muss daher künftig auf anderen Ebenen laufen. Die wichtigste: G 20. Es ist wahrscheinlich leichter, unter den größten 20 Ökonomien dieser Welt verbindliche Absprachen wenigstens zu Teilbereichen dieser Problematik zu treffen, als gleich global unter Einschluss von Ideologen wie Mugabe und Chavez oder Destruktiven wie den Ölstaaten. Und wahrscheinlich können solche Abmachungen den Uno-Prozess mehr befördern, als noch so viele Großkonferenzen, die mit ihren phantastischen Teilnehmerzahlen selbst ein Klimaproblem sind. Zweitens: Regional und lokal. Europa, Deutschland, die Kommunen, auf jeder Ebene kann und muss weitergemacht werden. Wenn ein globaler Emissionshandel nicht stattfindet und es verbindliche weltweite Reduktionsvorgaben nicht gibt, dann bleiben Kohle, Öl und Gas zwar zunächst günstiger. Trotzdem ist Klimaschutz kein Nachteil im globalen Wettbewerb. Denn die Folgen des langsam eintretenden Klimawandels werden sich ebenso negativ in die Bilanzen schleichen wie die Begrenztheit der fossilen Energiequellen und deren steigende Preise.

Eines freilich ist nach Kopenhagen klar. Die Inselstaaten und Küstenregionen, denen das Wasser bis zum Hals steht, und die Elendsgebiete in Afrika, denen es ganz auszugehen droht, sind nun praktisch dem Untergang geweiht. Das ist die Weihnachtsbotschaft anno 2009: Sorry, aber wir haben momentan wirklich andere Sorgen. So ist die Welt.

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