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Die Woche im Blick
Dicke Luft bei Dieselfahrern

Atemberaubend: Das ist in vielerlei Hinsicht die Anordnung des Verwaltungsgerichts, in Essen ein Diesel-Fahrverbot einzuführen – und zwar auch auf der A40, der Autobahn, die mitten durch die Stadt führt. Von Thomas Roth

Hunderttausende Menschen wären betroffen. Pendler, die sich noch vor wenigen Jahren einen Diesel kauften, weil der günstig im Unterhalt, aber ganz nebenbei auch umweltschonender sei. Schließlich stoßen Dieselautos im Vergleich zu Benzinern weniger Kohlendioxid aus.

Den Betroffenen stockt der Atem, wenn sie daran denken, was die Folge sein wird. Entweder auf den öffentlichen Nahverkehr umsteigen, was oftmals aber wesentlich längere Fahrtzeiten und ganz nebenbei weniger Flexibilität bedeutet. Oder wieder Geld in die Hand nehmen, um ein neues Auto zu kaufen. Aber, ganz ehrlich: Was sollte das denn sein? Ein Benziner? Schon jetzt zeigt sich: Fahrverbote kann es auch für ältere Benziner geben. Und wer daran glaubt, dass er mit einem neuen Auto für die nächsten zehn Jahre Sicherheit hat, der glaubt eventuell ebenfalls daran, dass die Deutsche Umwelthilfe (DUH), die hinter der Klagewelle steckt, alleine das Wohl der Bürger im Blick hat. Nur eine kurze Bemerkung dazu: Dass Behörden die DHU sponsern, ist absurd. Schaffen sie alleine es etwa nicht, ihre Interessen durchzusetzen? Ist die DUH, die Millionen über Verbandsklagen, mit Abmahnungen und Unterlassungserklärungen einnimmt, ein passender Partner? Dass die DUH zudem Gelder annimmt von Firmen wie Toyota, die mit ihren Hybridmodellen ein Interesse daran haben, den Dieselmarkt möglichst klein zu halten, darf zudem Skepsis an ihren Motiven für Klagen auslösen.

Steckt hinter den Klagen nur heiße Luft? Das ist ganz sicher falsch - selbst wenn einige Experten kritisieren, die Grenzwerte zum Stickstoff seien willkürlich festgelegt. Denn diese Grenzen sind mittlerweile seit Jahren bekannt. Die Politik hat, ganz offen gesagt, die Zeit verschlafen. Sie hat den Autoherstellern erlaubt, Autos zu bauen, die nur auf Prüfständen, mit verklebten Türen, ohne Spiegel und stets ideal gefahren Grenzwerte eingehalten haben. Und sie ließ die Messungen sogar von den Herstellern selbst durchführen. Dass VW dies auf die Spitze trieb, ist selbstverständlich Betrug am Kunden und nicht zu entschuldigen. Dass alle Hersteller diese Spielräume ausnutzten, ist dagegen keineswegs verwunderlich.

Und nun? Herrscht wieder einmal dicke Luft zwischen Verkehrs- und Umweltministerium. Eine Allianz für die Autofahrer ist nicht zu erkennen. Ebensowenig übrigens eine, die eine abgestimmte Verkehrspolitik und damit eine Reduzierung aller Schadstoffe im Blick hat. Dabei ist offensichtlich, dass eine Verkehrswende sinnvoll ist: Mehr Platz für Radfahrer, ein Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs in der Stadt und auf dem Land, ein flüssiger Autoverkehr – all dies käme Anwohnern, Pendlern und der Umwelt zugute. Doch gerade in unserer Region ist klar: Autos, auch mit Verbrennungsmotoren, wird es noch viele Jahre geben. Wer das nicht ernst nimmt, macht nur eines: Er baut Luftschlösser und hat die Sorgen der Menschen nicht mehr im Blick.

t.roth@volksfreund.de

FOTO: TV / Friedemann Vetter