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Ein Signal in die Heimat

Ein Signal in die Heimat

In Frankreich dürfte es kaum einer mitbekommen haben, dass die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer offiziell zu Besuch war. Die Zeitungen nahmen kaum Notiz von der Visite aus Mainz und dem Gespräch mit Premierminister Jean-Marc Ayrault.

Auch nicht, worum es dabei gegangen ist: Cattenom.
Dreyer hat dem Regierungschef unmissverständlich klargemacht, dass Rheinland-Pfalz auf ein Abschalten des Pannenreaktors drängt.
Ayrault wird die Worte zur Kenntnis genommen haben, aber ändern wird sich an der Atompolitik des Nachbarlandes nichts.
Die Pannen in dem altersschwachen Reaktor nahe der deutschen Grenze interessieren dort kaum einen. Atomkraft ist für viele Franzosen noch immer selbstverständlich. Fast 80 Prozent des produzierten und verbrauchten Stroms stammen aus den 58 in Betrieb befindlichen Kernkraftwerken. Nirgends in der Welt ist der Anteil an Atomstrom höher. Daher gibt es in Frankreich auch keine ernstzunehmende Kritik an der Kernkraft. Man braucht sie.
Eine Energiewende, wie sie in Deutschland nach der Katastrophe von Fukushima selbst von bis dahin überzeugten Atombefürwortern auf die Schiene gebracht wurde, ist bei unseren Nachbarn noch undenkbar. Zwar sind zwei Drittel der Franzosen für einen Ausstieg aus der Atomkraft - aber erst innerhalb der nächsten 30 Jahre. Eine ernsthafte Anti-Atombewegung gibt es in Frankreich (noch) nicht. Auch der von Staatspräsident Hollande angekündigte sehr langfristige Teilausstieg aus der Atomkraft mit dem Abschalten einiger Uralt-Anlagen scheint in weite Ferne gerückt zu sein.
Trotzdem war die Stippvisite von Dreyer in Paris wichtig und richtig. Sie weiß, dass sie Ayrault und Frankreich nicht allein durch ihre Worte und ihr Lächeln von einem Abschalten des Pannenreaktors an der lothringischen Mosel überzeugen kann. Zumal sich Paris wohl kaum von der Chefin eines kleinen Bundeslandes in die Energiepolitik hineinreden lassen wird.
Von dem Besuch an der Seine geht vor allem ein Signal in die Heimat aus, an die Menschen hier in der Region: Dreyer hat nach Nürburgring und Hahn nun auch Cattenom zur Chefsache gemacht. Das ist gut.
Vielleicht kann die Ministerpräsidentin auch erreichen, dass bei dem für März geplanten Cattenom-Gipfel in Trier - anders als bisher - mehr als warme Worte herauskommen. Dass beim Treffen der Regierungschefs der Großregion das Ende von Cattenom beschlossen wird, ist zwar unwahrscheinlich. Aber vielleicht geht davon ein Signal nach Frankreich aus, dass Strom nicht ausschließlich aus Kernkraft kommen muss.
b.wientjes@volksfreund.de