1. Meinung

Ein Urteil für die Galerie

Ein Urteil für die Galerie

Man muss kein Anhänger einer drakonischen Strafjustiz sein, um ein gewisses Vergnügen bei der Vorstellung zu empfinden, Silvio Berlusconi könnte ein paar Jahre seines Lebens hinter schwedischen Gardinen verbringen. Zu lange hat er den Rechtsstaat verhöhnt, zu oft hat er die politische Macht missbraucht, um seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, zu skrupellos hat er sich bereichert an dem selbst geschaffenen Sumpf aus Medien und Politik, zu unverschämt hat er sich die Gesetze maßgeschneidert.

Im Verhältnis dazu sind seine Bunga-Bunga-Eskapaden noch geradezu lässliche Sünden.
Aber bevor wir uns übermäßig ereifern: Den Moment, an dem Berlusconi einfährt, werden wir nicht erleben. Oder wenn, dann allenfalls als kurzzeitig-grandiose Abschluss-Inszenierung einer 20-jährigen Personality-Show. Mit triumphalem Comeback nach ein paar Tagen.
Immerhin: Ein Gericht hat sich getraut, den Paten zu verurteilen. Allerdings in dem Wissen, dass er etliche Berufungsmöglichkeiten hat, die das Verfahren über Jahre herauszögern werden. Und währenddessen, so ist das in Italien üblich, passiert gar nichts. Wenn dann alle Instanzen ausgeschöpft sind, wird die Sache verjährt sein, oder Berlusconi nicht mehr haftfähig. So ist das Leben, oder wie die Italiener sagen würden: Cosi va il mondo. Das klingt doch schon viel netter.
Man kann die Sache von Deutschland aus als Folklore abhandeln. Man könnte aber auch fragen, wie es dazu gekommen ist, dass die Italiener einen Mann drei Mal ins Amt gewählt haben, von dem sie - auch ohne Gerichtsurteil - wussten, dass er eine Art Polit-Mafioso ist.
Das hat zu tun mit dem kompletten Vertrauensverlust, den sich das etablierte politische Spektrum Italiens vor Berlusconis Aufstieg redlich verdient hat. Wo die Bürger den traditionellen Parteien nicht mehr zutrauen, die Probleme zu lösen, wo sie das Gefühl haben, nach Strich und Faden verschaukelt zu werden, da sind sie auch bereit, populistischen Gauklern wie Berlusconi hinterher zu laufen. Noch ist es in Deutschland nicht so weit. Aber es wäre naiv, zu glauben, Vergleichbares wäre bei uns nicht möglich.
d.lintz@volksfreund.de