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Ein Wort sorgt für Empörung

Der Ton wird rau im Wahlkampf. Martin Schulz greift die Kanzlerin an, Alexander Gauland will die AfD nach oben provozieren. Doch irgendetwas fehlt noch. Thomas Roth, Chefredakteur

Nun wird es hart. Martin Schulz hat die Tonart geändert, bei jeder Rede sucht er die Konfrontation mit Angela Merkel. Wirtschaft? Läuft trotz Merkel. Europa? Könnte mit ihm viel besser laufen. Soziale Gerechtigkeit? Läuft nur mit ihm. Und im Fernseh-Duell am Sonntag wird es so weitergehen. Schulz muss auf Angriff setzen. In Umfragen liegt er deutlich zurück, die Union sackt leicht ab, doch nicht die SPD gewinnt.

Umfragen sind nur eine Momentaufnahme. Und sie sind immer interpretationsbedürftig, Änderungen um einen Prozentpunkt etwa sind kaum der Rede wert. Dennoch fällt auf: Zurzeit kann vor allem die AfD zulegen. Und das, obwohl sie zerstritten ist. Bundesvorsitzende Frauke Petry führt einen Allein-Wahlkampf, ist nicht mit den Spitzenkandidaten Alice Weidel und Alexander Gauland zu sehen. Letzterer provozierte in dieser Woche, sprach davon, die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz, in Anatolien zu entsorgen. Hintergrund war, dass Özoguz vor Monaten gesagt hatte, dass eine spezifisch deutsche Kultur, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar sei. Sie hatte übrigens zudem betont, dass die Werte des Grundgesetzes für den Zusammenhalt der Gesellschaft entscheidend seien. Die Debatte um eine Leitkultur kochte damals hoch. Doch Gauland kümmerte sich nicht um den Kontext. Und es ging in dieser Woche ebenfalls nicht ums große Ganze.

Schnell reagierten andere Politiker auf Gaulands Aussage, sprachen von Rassismus. Selbst Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier schaltete sich ein, kritisierte einen Tiefpunkt in der politischen Auseinandersetzung. Große Aufregung vor allem um ein Wort: entsorgen. Ja, dies ist mehr als unpassend, aber selbst SPD-Politiker haben mit Blick auf Angela Merkel dieses Wort schon verwendet. Steinmeier hat recht, wenn er vom Tiefpunkt in der Auseinandersetzung redet. Aber der ist vor allem erreicht, weil viele nicht mehr kontroverse Diskussionen führen, sondern sich an einem Wort stören. Gauland übrigens sagte in Thüringen Folgendes: "Ladet sie mal ins Eichsfeld ein, und sagt ihr dann, was spezifisch deutsche Kultur ist. Danach kommt sie hier nie wieder her, und wir werden sie dann auch, Gott sei Dank, in Anatolien entsorgen können." Wäre es nicht viel interessanter, als sich nur über das Wort entsorgen aufzuregen, tiefer zu blicken? Wäre es nicht wichtig, Gauland zu fragen, was er unter der deutschen Kultur versteht, die jemanden nie mehr zurückkommen lässt? Ausgrenzung? Beschimpfungen? Schlimmeres?

Ja, es ist schwer, Übertreibungen und Polemiken zu entlarven. Ja, es ist mühsam, mit jemandem zu diskutieren, der ein gänzlich anderes Weltbild als man selbst hat. Doch genau das vermisse ich etwa in diesem Wahlkampf. Die Auseinandersetzung selbst mit extremen Positionen. Übrigens dennoch, wo immer es notwendig ist, entschieden zu widersprechen. Gerne mit Argumenten, nicht mit einer sich gegenseitig hochschaukelnden Auseinandersetzung um ein Wort. Vielleicht klappt dies ja auch schon am heutigen Samstag um 14 Uhr in Trier. Dann diskutieren meine Kollegen mit Bundestagskandidaten am Hauptmarkt.

t.roth@volksfreund.de