1. Meinung

Eine Frage der Prioritäten

Eine Frage der Prioritäten

Wer hat schon Lust, sich mit dem Thema Pflege zu beschäftigen? Man ist froh, wenn einem die Konfrontation mit dem Problem in der eigenen Familie erspart bleibt. Und wenn doch, gibt es eine funktionierende Infrastruktur, auf die man - aller berechtigten Einzelfall-Kritik zum Trotz - zurückgreifen kann.

In eigener Sache lässt sich das Thema auch ganz gut verdrängen. Wer heute 50 ist, fühlt sich vom Pflegefall noch Jahrhunderte entfernt. Oder er kalkuliert damit, dieses Stadium gar nicht erst zu erreichen.Und doch: Es ist gerade die Generation der Babyboomer, die sich mit dem Thema beschäftigen muss. Wer heute 20 ist, mag darauf hoffen, dass im nächsten halben Jahrhundert alle möglichen Wunder passieren. Aber was 2040 los ist, wenn die Kinder der Kennedy-Jahre an die 80 sind, ist schon recht präzise vorgezeichnet. Dann wird nicht mehr jeder sechste Bürger über 65 sein wie heute, sondern jeder vierte. Und immer mehr Menschen werden sehr alt - mit entsprechendem, teilweise extrem hohen Pflegebedarf. Es geht nicht um Schwarzmalerei, sondern um das nüchterne Zurkenntnisnehmen von Rahmendaten. Und das Fazit ist eindeutig: Wer sicherstellen will, dass er in 25 Jahren menschenwürdig gepflegt wird, der muss jetzt agieren. Wenn das Kind erst einmal im Brunnen liegt - oder der Senior im Sechs-Bett-Zimmer in der Ukraine - dann ist es zu spät. Aber ein tragfähiger Schutzschirm für den Pflege-Fall kostet Geld. Und zwar realeres als alle Euro-Schutzschirme. An zwei Erkenntnissen führt dabei kein Weg vorbei. Die erste: Wer einen guten Lebensabend haben will, muss jetzt auf das eine oder andere Liebgewordene verzichten. Man kann, sagt ein altes englisches Sprichwort, den Kuchen nicht behalten und ihn aufessen. Die zweite: Wir schaffen uns mit Niedriglöhnen, Hartz IV und prekären Jobs auch die Pflegenotstände von morgen. Denn der Anteil an Menschen wächst, für die sich nicht die Frage stellt, auf was sie zugunsten einer privaten Pflegevorsorge verzichten könnten - weil sie eh nichts haben. Wer nicht will, dass sich die Bevölkerung irgendwann in gutsituierte, wohlversorgte und ordentlich bewachte Vorstadtsiedlungsbewohner einerseits und arme Schweine andererseits spaltet, wird die Pflegevorsorge als Solidaraufgabe begreifen müssen, bei der die Starken auch den stärkeren Beitrag leisten. Bei der aber keineswegs der nächste bürokratische Moloch wie im Gesundheitswesen geschaffen wird. Zwischen diesen beiden Felsen hindurchzusteuern, wäre die Aufgabe der Gesundheitspolitik. Zeit, dass sie damit anfängt. d.lintz@volksfreund.de