1. Meinung

Eine Gratwanderung: Chefärzte zwischen medizinischer Notwendigkeit und Rationierung

Eine Gratwanderung: Chefärzte zwischen medizinischer Notwendigkeit und Rationierung

Ertragssteigerung, Kostendruck, Gewinnsteigerung. Längst gehört das Wirtschafts-ABC auch zum Wortschatz von Krankenhaus-Leitern. Kliniken sind zu Wirtschaftsunternehmen geworden. Sie müssen Geld verdienen, um zu überleben. Sie müssen Kosten sparen, weil die Krankenkassen, die die Leistungen bezahlen, immer mehr knapsen.

Kliniken, auch die in kirchlicher Trägerschaft, müssen auf dem schmalen Grat zwischen medizinisch Notwendigem und Bezahlbarem wandern, zwischen tatsächlichem Bedarf und dem Zwang zur Rationierung. Heilung und Linderung im Schatten von Budgets und Spardruck.
Krankenhäuser unterscheiden sich daher kaum noch von anderen Unternehmen. Modernes Management bestimmt den Gesundheitsbetrieb. Und zu einem modernen Management gehört auch das Führen durch Ziele. Mit der Vorgabe bestimmter Unternehmensziele für führende Mitarbeiter sollen diese dazu angehalten werden, die Wirtschaftlichkeit zu steigern. Um einen Anreiz zu schaffen, die Ziele einzuhalten, hängt bei den Führungskräften auch ein Teil ihres Gehaltes daran. Schaffen sie die Vorgabe, gibt es einen Bonus, falls nicht, schrumpft die Gehaltszulage. Auch immer mehr Chefärzte erhalten solche Boni, wenn sie die vom Klinikträger vorgegebenen Ziele am Ende des Jahres erreicht haben.
Nun lässt sich ein leitender Mediziner aber nicht so einfach mit einem Abteilungsleiter eines Unternehmens vergleichen, der dann seinen Bonus erhält, wenn es ihm gelungen ist, den Ertrag zu steigern, indem er seine Mitarbeiter angetrieben hat, mehr Aufträge zu schreiben; oder wenn er Kosten eingespart hat, indem er die eine oder andere Stelle nicht mehr besetzt. Es kann und darf nicht sein, dass ein Chefarzt dafür belohnt wird, dass die Klinik mehr Geld verdient, weil mehr Patienten (vielleicht auch überflüssigerweise) operiert werden. Oder dass Kosten gespart werden, weil bestimmte (womöglich notwendige) Behandlungen nicht mehr gemacht werden.
In Zeiten des Ärztemangels können solche Bonusverträge ein Mittel sein, um gute Mediziner zu locken. Umgekehrt hat ein Arzt genau aus dem gleichen Grund die Möglichkeit, ja sogar die Pflicht, zu bestimmten Vereinbarungen in seinem Vertrag, die gegen seine ethische Verantwortung verstoßen, Nein zu sagen. So mancher Klinikträger wird sich angesichts des Mangels an topqualifizierten Ärzten überlegen, seinen ausgewählten Kandidaten einfach ziehen zu lassen, weil er eine bestimmte Bonusvereinbarung ablehnt.Wie die einseitige Orientierung an wirtschaftlichen Zielvorgaben für Chefärzte pervertiert wurde, hat sich im Transplantationsskandal gezeigt. Ärzte kassierten Prämien für jedes entnommene oder eingepflanzte Organ, das Krankenhaus verdiente kräftig an jedem Eingriff. So wie jede zusätzliche Hüft-OP Geld bringt. Nur Masse sichert den Umsatz der Kliniken. In vielen Häusern wird immer häufiger darauf geachtet, mit welcher Diagnose sich am meisten verdienen lässt, abgerechnet wird nicht mehr pro Behandlung, sondern pro Fall. Je höher die Fallzahl, sprich Patienten, desto größer der Ertrag.
Da kann einen als Klinikpatient schon ein mulmiges Gefühl befallen, wenn man in den OP geschoben wird: Ist der Eingriff wirklich notwendig, oder muss der Arzt noch seine Zielvorgabe erfüllen, damit er seinen Bonus auch bekommt?
b.wientjes@volksfreund.de