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Familienministerin Anne Spiegel: Rücktritt überfällig - Chefin mit Fehlentscheidungen

Kommentar zum Rücktritt der Familienministerin : Anne Spiegels Rücktritt war überfällig - die Chefin entschied zu oft falsch

Einen Tag nach ihrer bemerkenswerten Pressekonferenz trat Anne Spiegel doch als Bundesfamilienministerin zurück. Der Schritt ist überfällig gewesen – Spiegels Probleme zeigen sich auch beim Rückzug.

Vor etwas mehr als einem Jahr schien für Anne Spiegel noch alles perfekt zu laufen. Die grüne Hoffnungsträgerin übernahm zusätzlich zum Familienministerium noch das Umweltministerium in Mainz. Als Spitzenkandidatin trauten ihr manche gar zu, Ministerpräsidentin Malu Dreyer beim Kampf um die Regierungsspitze herauszufordern.

Doch es kam anders: Die Wahlen verliefen für die Grünen leicht enttäuschend, Dreyer setzte sich mit der SPD souverän durch, Spiegels Partei blieb mit 9,3 Prozent hinter den Erwartungen. Dennoch: Spiegel war die starke Frau der Partei im Land. Und nach der Bundestagswahl stieg sie als Bundesfamilienministerin noch einen Schritt weiter auf.

Spiegel war, das schilderte sie am Sonntag mit Tränen in den Augen zuvor aber bereits nicht nur an, sondern über der Belastungsgrenze. „Es war zu viel.“ Die Dreifachbelastung als Doppelministerin sowie als Grünen-Spitzenkandidatin habe sie und ihre „Familie über die Grenze gebracht“. Dies nicht nur wegen ihrer Arbeit, sondern ebenso weil ihr Mann einige Zeit vorher einen Schlaganfall gehabt habe und er mit der Sorge um die vier Kinder zu stark gefordert gewesen sei. Aus diesem Grund sei „zum ersten Mal der Punkt erreicht gewesen“, an dem sie Urlaub als Familie gebraucht hätten. Dass dies zehn Tage nach der Flutkatastrophe unpassend war, das sagte Spiegel und entschuldigte sich dafür.

Die Familienministerin war selbst mit der privaten Situation überfordert. Das ist absolut nachvollziehbar. Es gibt für alle Menschen Zeiten, in denen sie Auszeiten benötigen und nehmen müssen. Allein: Erstens kam die Auszeit zum unpassenden Zeitpunkt und zweitens hätte Spiegel, so schwer es auch gewesen sein möge, diese wohl schon längst nehmen müssen. Zur Funktion als Ministerin, als Chefin zweier großer Ressorts in Mainz, gehört nicht nur die Verantwortung für die vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sondern ebenso für sich selbst. Gerade, um nicht Fehler zu machen, gerade um richtige und schnelle Entscheidungen in diesem absolut anspruchsvollen Beruf treffen zu können, ist es wichtig, dass eine Ministerin selbst einsatzfähig ist oder offen einen Ersatz benennt, der für gewisse Zeit öffentlich einspringt. Und dies muss bei allem Verständnis betont werden: Spiegel sagte zu keinem Angebot Nein, sie übernahm das zweite Ministerium und sie wechselte später sogar noch ins Haifischbecken der Berliner Politik. Doch: Eine Chefin, die nie Nein sagen kann, ist keine gute Chefin.

Spiegels Auftritt am Sonntag sorgte für erwartbare Reaktionen. Die einen betonten, ihr nervöser Auftritt zeige ihre komplette Überforderung, die anderen betonten, dass die Ministerin damit Menschlichkeit bewiesen habe. Was aber ganz sicher ist: Spiegel und ihr Umfeld haben in den vergangenen Monaten zu oft erst auf Nachfragen Versäumnisse eingeräumt. Sie und ihr Team sorgten sich – zumindest musste der Eindruck entstehen – eher um das eigene Bild als um das Problem an sich. Als Spiegel am Sonntag zugeben musste, dass ihre Aussage falsch war, sie habe an Kabinettssitzungen per Videokonferenz teilgenommen, ist auch den verbliebenen politischen Unterstützern klar geworden, dass sie nicht mehr zu halten ist. Die Ministerin hat gelogen, und sie übernahm dafür keine Verantwortung. Die Grünen-Spitze hatte ihr zuvor schon einstimmig nahegelegt, sich zurückziehen. Doch sie wagte einen letzten aussichtslosen Versuch, sich öffentlich zu rechtfertigen und ihren Job zu retten.

Immerhin: Mit dem Rücktritt hat Spiegel nun den ersten Schritt geschafft, sich wieder mehr Respekt zu verschaffen. Dass sie dabei schrieb, sie sei wegen des politischen Drucks zurückgetreten, zeigt allerdings, dass der einstige grüne Polit-Star immer noch nicht einsehen will, dass am Ende nur eine einzige Person die Gründe für diesen Rücktritt geliefert hat: Anne Spiegel.