Finanzmärkte außer Rand und Band

Finanzmärkte außer Rand und Band

Man muss keine Neigung zu Panik und Alarmismus haben, um in diesen Tagen beim Blick auf den Fernseher und in die Nachrichtenagenturen nervös zu werden. Noch vor zehn Tagen haben die Experten unisono verkündet, nach dem Euro-Rettungsgipfel sei die Krise erst einmal abgeblasen.

Große Unternehmen meldeten wachsende Renditen, positive Konjunkturdaten machten die Runde. Und dann stürzen die Aktienkurse über Nacht ins Bodenlose, angeblich, weil ein EU-Kommissionspräsident sich ungeschickt geäußert hat. Offensichtlich ist der Finanzmarkt dabei, völlig außer Kontrolle zu geraten. Es geht nicht mehr um rationale Entscheidungen, sondern um Mutmaßungen und Prognosen. Die Spekulation, einst Nischengewerbe mit Beigeschmack, ist zur dominanten Größe geworden. Sie macht sich ihre eigenen Regeln, gehorcht ihrer eigenen Logik. Und wir sind diesem System ausgeliefert, müssen darauf hoffen, dass die Lawine irgendwie stoppt. Staat und Gesellschaft tanzen in dem Rhythmus, den die Börse vorgibt. Die Rating-Agenturen trommeln die Begleitmusik dazu. Es ist der totale Sieg des Kapitalismus.Die internationale Staatengemeinschaft, sagte gestern ein Börsen-Experte im Fernsehen, müsse sich das Vertrauen der Finanzmärkte erst wieder verdienen. Schöner hätte nicht einmal Karl Marx auf den Punkt bringen können, wer Koch ist und wer Kellner in unserem Machtgefüge. Die Merkels und Obamas, gerne als "Mächtigste der Welt" apostrophiert, sind Getriebene, chancenlos gegen die Willkür der Märkte. Die Börsianer teilen ihnen mit, welches Verhalten sie von ihnen erwarten. Allerdings sind sie daran auch selbst schuld. Sie haben es im Gefolge der letzten Bankenkrise nicht einmal ansatzweise geschafft, ein Regelgerüst für den Finanzmarkt einzuziehen, der zumindest die ärgsten Auswüchse bremst. Der politische Wille war nicht vorhanden. Freilich wäre es naiv zu glauben, härtere Regeln allein könnten die Probleme an den Geld- und Aktienmärkten lösen. Börsen sind immer auch ein Indikator für eine Erwartungshaltung. Und die ist, bezogen auf die westlichen Demokratien, alles andere als gut. Die hemmungslose Staatsverschuldung, die maroden sozialen Sicherungssysteme, die katastrophale demographische Entwicklung: Sie lasten wie ein Alptraum auf der Zukunft. So lange Politik und Gesellschaft diese Fakten ignorieren, statt realistische Konzepte zu entwickeln, wird eine Krise auf die andere folgen. Da sind die Finanzmärkte nur das Symptom, nicht die Ursache. Wer es nicht schafft, die Staatsausgaben zu reduzieren, sich aber gleichzeitig weigert, die Einnahmen zu erhöhen, etwa durch stärkeres Heranziehen derer, die es verkraften können, programmiert den nächsten Absturz. d.lintz@volksfreund.de

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