1. Meinung

Freier Wille, höchstes Gut

Freier Wille, höchstes Gut

Man hat sich hierzulande schon daran gewöhnt, dass die Gerichte ausbessern, was im politischen Entscheidungsprozess versäumt wurde.

So hat der BGH auch in Sachen Sterbehilfe fast begierig einen Einzelfall genutzt, um nachzuholen, was der Bundestag versäumt hat: Aus einer vagen gesetzlichen Richtungsanzeige wurde ein klarer Handlungsleitfaden. Gut so, denn alle Beteiligten brauchen in einer solchen Extremsituation die klarstmöglichen Rahmenbedingungen. Die Gewissensentscheidung kann den Patienten, den Angehörigen, den Ärzten, den Pflegern ohnehin niemand abnehmen - die Angst, in eine juristische Falle zu geraten, aber schon.

Eine grundsätzliche Kehrtwende bringt das Urteil nicht. Aktive Sterbehilfe bleibt in Deutschland ein Tabu. Alles andere wäre auch ein Sprengsatz für unsere Gesellschaft. Aber die Richter machen ernst mit der grundgesetzlich verbürgten Würde des Menschen, wenn sie klarstellen, dass niemand gegen die freie Willensentscheidung des Einzelnen handeln darf. Wer - etwa aufgrund seines Glaubens - diese Entscheidung einer höheren Macht überlassen will, kann das für sich selbst so entscheiden. Aber nicht für andere.

Der Bundesgerichtshof räumt nun alle faulen Tricks beiseite, mit denen dieser freie Wille abgeblockt wurde: Die hypothetische Mutmaßung, der bewusstlose Patient könne sich das alles noch mal anders überlegt haben. Der Versuch, den Willen an ein Stück Papier zu binden. Die Einstellung medizinischer Bemühungen erst, wenn der Patient fast schon tot ist. Als ob der Wunsch nach Abbruch der Behandlung nicht genau auf die Situation des jahrelangen Herumdämmerns ohne Perspektive auf Heilung zielen würde.

Er gibt ein Recht, sterben gelassen zu werden. Wer das missachtet, greift aktiv in die Menschenwürde des anderen ein. Wer dafür sorgt, dass der Tod seinen Weg gehen kann, indem er ein Gerät abschaltet, handelt, wenn er das verantwortungvoll tut, nicht als Straftäter. Er sorgt lediglich dafür, dass die Medizin den Menschen nicht ihren eigenen Tod enteignet.

Soweit hat das Gericht für Klarheit gesorgt. Aber darauf zu achten, dass verantwortungsvoll gehandelt wird, Hilfe zu leisten, wo übermenschliche Abwägungen verlangt werden, die Beteiligten zu stützen und damit eine freie Entscheidung überhaupt erst zu ermöglichen: Das schafft kein Gerichtsurteil. Da müssen wir schon selber ran.

d.lintz@volksfreund.de