1. Meinung

Freude über Gesten, Warten auf Taten

Freude über Gesten, Warten auf Taten

Noch haben wir nichts als Gesten. Aber was für welche! Wie der neue Papst, ohne Pomp und Purpur, in schlichter weißer Soutane auf den Balkon des Peterdoms tritt und den Menschen einen guten Abend wünscht.

Wie er mit ihnen für seinen Amtsvorgänger Benedikt die beiden einfachsten und größten Gebete der Christenheit spricht: das Vaterunser und das Ave Maria. Und wie er die Menschen, ehe er sie segnet, um ihr Gebet für sich selbst bittet. Wie er sich demütig verneigt - und minutenlang still auf die jubelnde Menge herabblickt. Dieser eindrucksvolle Auftritt wird noch nachwirken. Und er weckt den Wunsch nach mehr.
Und dann der Name: Ein Jesuit, der sich nicht etwa Ignatius (nach dem jesuitischen Ordensgründer Ignatius von Loyola) oder sonstwie nennt, sondern ausgerechnet Franziskus, wie der große Heilige und Freund der Armen, der sich einst gegen das kirchliche Establishment wandte und sich radikal mit den Benachteiligten solidarisierte - das lässt aufhorchen. Gut möglich, dass da ein Name Programm wird. Als Bischof der argentinischen Metropole Buenos Aires hat Kardinal Jorge Mario Bergoglio auch Slums vor Augen. Manche Sorgen der reichen deutschen Kirche könnten da wie Luxusprobleme erscheinen.
Kann es verwundern, wenn dennoch nach dem kommunikativen Auftritt von Papst Franziskus in Rom eine zuversichtliche, ja teils enthusiastische Stimmung ausbricht, die weit reichende Hoffnungen nährt? Stößt er eine breite innerkirchliche Erneuerung an, die vor dem Machtgefüge der vatikanischen Kurie nicht Halt macht?
Die Ansprüche an den Papst sind oft genug formuliert worden - und so zahlreich, dass ein einzelner Mensch sie nicht erfüllen kann. Als vor acht Jahren Joseph Ratzinger zum Papst gewählt wurde, konnte man den Eindruck haben: Die überforderten Kardinäle sahen niemand anderen, der die Kirche zusammenhalten könnte. Diesmal haben die Papstwähler vor dem Konklave intensiv gestritten und nichts beschönigt. Dass sie trotz der Kontroversen noch rascher als beim letzten Mal weißen Rauch aufsteigen ließen, wirkt wie ein fulminanter Vertrauensbeweis für einen, der es kann. Und es passt zu den Sympathiebekundungen, die dem neuen Papst von allen Seiten zufliegen.
Mit seinen Gesten auf dem Balkon des Petersdoms hat Papst Franziskus, wie es scheint, die Herzen der Menschen im Sturm erobert. Selbst kritische Journalisten waren von den Socken. Es ist, als ob ein frischer Wind der Hoffnung durch die katholische Kirche geht.
Nach den Gesten beginnt nun das Warten: auf Begegnungen und Reden, auf päpstliche Enzykliken, auf Personalentscheidungen, auf Taten.
m.pfeil@volksfreund.de