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Meinung
Fußballprofis bei Erdogan: Ein Fehltritt – mehr nicht

FOTO: k r o h n f o t o .de
Berlin. Geld schießt keine Tore. Genauso wenig macht Geld zwangsläufig schlau. Daher zieht das Argument schon mal nicht, wer wie Mesut Özil und Ilkay Gündogan Millionen verdient, müsse sich auch besonderes pfiffig verhalten. Beide Nationalspieler haben soeben unter Beweis gestellt, dass das Gegenteil der Fall sein kann. Von Hagen Strauss

Ihre Ehrerbietung für den türkischen Präsidenten Erdogan war ein klassisches Eigentor, um die Fußballersprache zu bemühen. Denn wer sich dafür entscheidet, in der deutschen Nationalmannschaft zu spielen und eben nicht für das Land seiner Vorfahren, der kann Erdogan vielleicht mit gebührendem Abstand ein Trikot schenken, darf ihn aber nicht als „meinen verehrten Präsidenten“ bezeichnen. Basta.

Auch von Fußballprofis kann man Fingerspitzengefühl erwarten. Schließlich haben sie eine Vorbildfunktion inne. Und wenn es bei ihnen dafür nicht reicht, dann eben von ihren Beratern, mit denen sich die Kicker ja zahlreich umgeben. Das Verhalten der Fußballer steht unter besonderer Beobachtung, weshalb sie umso mehr aufpassen sollten, wer sie vor welchen Karren spannen will. Denn Sport ist nun mal oft auch hochgradig politisch. Und sei es nur, weil Politiker für ihre Zwecke auf schöne Fotos mit den Aktiven hoffen. Da ist Erdogan keine Ausnahme.

Die Welle der Empörung gerade von politischer Seite ist allerdings heuchlerisch, wenn man bedenkt, wer nicht schon alles einen Despoten hofiert hat, weil es angeblich politisch notwendig war. Nichtsdestotrotz dürfte Özil und Gündogan die Aufregung eine Lehre sein. Letzterer hat dies mit seiner Erklärung schon deutlich gemacht. Das Problem ist allerdings, dass andere nun versuchen, aus dem Fehltritt Kapital zu schlagen. Jene zum Beispiel, die schon immer behauptet haben, in Deutschland wolle niemand Jerome Boateng zum Nachbarn haben. Oder die Spieler wie Özil bei der Nationalhymne zum Mitsingen zwingen wollen. In der heutigen Zeit wird vor allem bei Sportlern mit Migrationshintergrund jedes abweichende Verhalten zum Skandal stilisiert und zur Hetze in den sozialen Netzwerken genutzt. Vor allem von den Rechten.

Gündogan und Özil haben beide im Laufe ihrer Karriere bewiesen, dass Doppelpass oder Migrationshintergrund überhaupt keine Rolle spielen für die Zugehörigkeit zu einem Team, das eine ganze Nation stolz macht. Wer mit zur Fußball-WM nach Russland fährt, entscheidet zum Glück immer noch der Bundestrainer. Gündogan und Özil sind dabei. Was denn sonst.

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