1. Meinung

Gaddafi kann nicht allein mit Luftangriffen bezwungen werden

Gaddafi kann nicht allein mit Luftangriffen bezwungen werden

Aus moralischer Sicht ist es recht simpel: Natürlich darf ein Machthaber wie Gaddafi nicht sein Volk zusammenschießen. Natürlich muss die restliche Welt sein Tun verurteilen und ihm Einhalt gebieten. So weit, so einfach. Dann wird es aber kompliziert.

Denn Gaddafi zu verurteilen, ihn international zu isolieren und zu brandmarken ist das eine. Ihn aber auch physisch zu stoppen, seine Truppen und Söldner vom Morden und Kämpfen abhalten - das ist die andere Seite der Medaille. Wer glaubt, einen Despoten mit einer Flugverbotszone und einigen Luftangriffen in die Knie zwingen zu können, liegt falsch.
Schon die ersten Interventionen aus humanitären Gründen haben gezeigt, dass die - für die Flugzeugbesatzungen - relativ sicheren Luftangriffe nicht ausreichen. Egal, ob im Kosovo oder in Afrika oder anderswo: Immer folgten ausgedehnte, langjährige und intensive Militäreinsätze, faktische Besatzungen. Nur so konnten Diktaturen und verbrecherische Regimes in Zaum gehalten werden. Und immer liefen diese Interventionen nach dem gleichen Muster ab: Zunächst wartet die internationale Gemeinschaft zu lange, um das akute Leiden der Bevölkerung durch die Machthaber zu unterbinden. Nach langen Diskussionen und Resolutionen handelten die "Koalitionen der Willigen" dann und bombardierten die Truppen der Machthaber - oft wirkungslos, denn die konnten sich lange genug auf die Angriffe vorbereiten. Erst nach weiterem Zögern, Zaudern und Diskutieren waren die Staaten bereit, weiter zu intervenieren und die notleidende Bevölkerung mit Bodentruppen zu befreien.
Gaddafi wurde nach dem Attentat auf die Berliner Diskothek "La Belle" schon einmal von den Amerikanern bombardiert - beeindruckt hat ihn das nicht. Deshalb muss sich die internationale Gemeinschaft ganz klar darüber sein, dass sie den Diktator aus der Luft nicht bezwingt. Wenn sie will, dass er sein Volk nicht weiter unterdrücken kann, wenn sie der libyschen Bevölkerung helfen will, dann braucht sie einen weiteren massiven Militäreinsatz, der Jahre und vielleicht Jahrzehnte dauern wird. Dafür braucht es jetzt vor allem eine schlüssige Strategie, die über das Abfeuern von Marschflugkörpern und das Abwerfen von Bomben hinausgeht. Sie muss Perspektiven für den Militäreinsatz und die Zeit danach bieten, vor allem in Kooperation mit den Nachbarländern. Ansonsten wird sich für Libyen und seine Bevölkerung nicht viel geändert haben, wenn der Pulverdampf verzogen ist.

a.houben@volksfreund.de