Gedenken an NS-Zeit: Einen Schlussstrich darf es nie geben

Die Woche im Blick : Einen Schlussstrich darf es nie geben

Wie fühlt es sich an, beschützt werden zu müssen beim Gebet mit Menschen desselben Glaubens? Wie ist es, wenn man sich öffnen will, aber dies Gefahren birgt? Es sind solche Fragen, die für Menschen jüdischen Glaubens alltäglich sind.

Und sie sind sicherlich noch stärker im Blick nach dem Terroranschlag von Halle.

Wir wissen noch nicht alles über die Tat. Und es lohnt sich nicht, vor weiteren Erkenntnissen zu spekulieren, ob es ein Einzeltäter war oder mehr dahinter steckte. Eines ist aber ganz sicher: Wir leben in einer Gesellschaft, in der es Anfeindungen gegen Juden gibt. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Kritik an Israel oft mit anti­semitischen Vorurteilen verknüpft wird. In einer Gesellschaft, in der oft von den Juden und nicht – obwohl es doch so eindeutig richtig wäre – von unseren Juden gesprochen wird.

Es ist wichtig, dass wir alle uns gegen Hetze wehren, egal wen sie treffen soll. Antisemitismus ist nicht nur ein Randthema. Natürlich, so ehrlich müssen wir sein: Die Einwanderung aus arabischen Ländern hat manches verstärkt. Schulen, an denen Juden als Feindbild im Unterricht vorkommen, ließen junge Menschen Vorurteile und Hass entwickeln. Es ist notwendig, das nicht abzutun, sondern zu bekämpfen. Das geht aber nur mit Zeit, Geld, Aufklärung und dem Bekenntnis, dass es ein Problem gibt.

Und dieses gibt es nicht erst seit 2015. In rechtsextremen wie auch bei äußerst linken Kreisen sind die Juden – oft unter dem falschen Synonym Israel – diejenigen, die für Krieg sorgen und andere ausbeuten. Immer wieder taucht das alte antisemitische Bild vom gierigen Juden auf. Und selbst in der Mitte der Gesellschaft gibt es ab und an wieder eine besorgniserregende Debatte über einen Wandel in der Gedenkkultur. Da sollte die NS-Zeit weniger im Blick sein. Da wird die Verantwortung für die deutschen Verbrechen abgelehnt, teils geleugnet. Hier darf es aber keinen Schlussstrich geben. Es geht ja keineswegs um eine persönliche Verantwortung für Taten. Natürlich gibt es kaum mehr Menschen, die zur NS-Zeit gelebt haben, geschweige denn Täter waren. Ein Land wie unseres darf aber niemals die Erinnerung an seine dunkelste Seite ausblenden. Es ist das richtige Signal, wenn junge Menschen wie in dieser Woche in unserer Region und in Luxemburg an die Deportation von Juden erinnern – gerade nach dem jüngsten Anschlag.

Es sind diese und andere Gesten, die Jeanne Bakal am Donnerstag in Trier ansprach. Die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde freute sich über die „Zeichen der Solidarität“. Und sie freute sich über die Eröffnung der Ausstellung „Jüdisches Trier“, die bei der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion zu sehen ist. Zugegeben: Die rührige Ausstellung hat Schwächen, etwa die kleine Schrift. Aber sie rückt in den Blick, was wichtig ist: das Bewusstsein, dass unsere Juden vielfältig sind wie Menschen aller anderen Glaubensrichtungen, und dass Vorurteile entstehen, wenn es keinen Austausch, kein Gespräch, kein Wissen über die oft gemeinsame und teils unterschiedliche Kultur gibt.

t.roth@volksfreund.de

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