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Getrennt - und doch zusammen: Der Kampf gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 und Covid-19

Leitartikel zur Corona-Krise : Getrennt – doch zusammen

Deutschland steht im Kampf gegen die neue Art des Coronavirus fast still. Es ist die passende Zeit, um getrennt die Gemeinsamkeit zu leben.

Das Wort Panikmache ist in den vergangenen Tagen fast verschwunden. Das ist der zugegebenermaßen subjektive Eindruck der Diskussion über die neue Art des Coronavirus in den sozialen Netzwerken. Es geht kaum mehr um die Frage, ob Covid-19 gefährlich ist. Es geht nun darum, wie die Ausbreitung zumindest verlangsamt werden kann. Und für alle mit riesigen Sorgen: Es lohnt sich, auf die Experten zu hören. Und es lohnt sich, die Risikoeinschätzung des Robert Koch-Instituts für Deutschland zu lesen. Die lautete gestern: „Die Gefährdung für die Gesundheit der Bevölkerung in Deutschland wird derzeit insgesamt als mäßig eingeschätzt.“

Passt das zusammen? Mäßige Gefährdung und dann solch gravierende Maßnahmen? Absage fast aller Sportveranstaltungen mit Zuschauern, fünf Wochen Corona-Ferien in Schulen und Kitas, Schließung von Schwimmbädern und öffentlichen Einrichtungen. So paradox es zunächst klingt: Die Antwort ist Ja. Denn es geht nun vor allem um eines: Dafür zu sorgen, dass sich das neue Virus nicht weiter so rasant ausbreitet. Es geht darum, Zeit zu gewinnen, damit Ärzte, Krankenschwestern, Krankenpfleger, die Herausforderung meistern können. Es geht darum, die derzeit grassierende Influenza-Welle von der Covid-19- Welle zu trennen. Es geht darum, allen Kranken eine möglichst gute Behandlung zu ermöglichen. Die Schreckensszenarien aus Italien müssen uns eine Warnung sein. Für eine Diskussion, ob Ältere noch behandelt werden können oder ob sie Jüngeren weichen müssen, soll und darf in Deutschland kein Platz sein.

Darum müssen wir alle uns einschränken. Und darum ist jeder Einzelne gefordert. Einerseits bei banalen Dingen wie der Hygiene, andererseits bei der Frage, wie wir uns gegenseitig helfen können. Bei aller berechtigten Kritik über die schlechten Informationen an die Schulen und Kitas im Land gestern, Ministerpräsidentin Malu Dreyer hat in der Pressekonferenz einige passende Worte gefunden: „Soziale Distanz darf nicht zu sozialer Kälte führen.“ Oder positiver formuliert: Gemeinsam lässt sich das Getrenntsein besser ertragen. Ob es nun der Einkauf für Erkrankte ist, ob es der Anruf bei den älteren Verwandten ist oder schlichtweg der ruhige Ton bei einer Diskussion, was nun alles notwendig ist oder eben nicht – das Innehalten bietet Chancen, den Zusammenhalt zu stärken. Chancen, einmal Experten genauer zuzuhören, bevor der erste wutentbrannte Post bei Facebook geschrieben wird. Chancen, Politiker nicht nach dem Aussehen zu beurteilen oder wegen der ersten missverständlichen Äußerung zu beschimpfen. Chancen, zu erkennen, dass in einem Gemeinwesen wie unserem immer Rücksicht erforderlich ist: Da müssen die Erwachsenen auf die Kinder achten, die Vermögenderen denen mit weniger Geld helfen und nun eben alle dafür sorgen, damit Ältere und gesundheitlich angeschlagene Personen nicht schwer erkranken. In unserem Land gibt es dafür Gesetze, es gibt dafür Sozialleistungen, es gibt aber hoffentlich vor allem eines: das Verständnis für die anderen Menschen.

Was macht Hoffnung? In sozialen Netzwerken boten gestern schon viele ihre Hilfe an. Anderen zu helfen bei der Kinderbetreuung oder bei Einkäufen etwa. Wir werden diesen Aspekt in unserer Berichterstattung in der nächsten Woche ebenfalls noch einmal aufgreifen und solche Aufrufe öffentlich machen.

Denn eines ist absehbar: Der jetzt verordnete Stillstand wird uns enorm fordern – und zwar auf lange Sicht. Die wirtschaftlichen Folgen für unsere Unternehmen werden riesig sein. Es wird sich rächen, dass die Zentralbanken kaum mehr Möglichkeiten haben, die Konjunktur anzukurbeln. Kredite gibt es praktisch schon umsonst, die Zinsen sind bei null. Konjunkturpakete werden helfen, aber eben nur begrenzt. Und das Fatale an der nicht zu vermeidenden Wirtschaftskrise ist, dass sie sich eben nicht auf einen Bereich beschränken wird.

Wir müssen, so banal es klingt, es endlich wieder schaffen, die soziale Marktwirtschaft in unserem Land zu leben. Wir dürfen nicht Soziales gegen Wirtschaft, nicht Ärmere gegen Reichere ausspielen. Nach diesem Stillstand ist – selbst wenn dies jetzt in dieser ruhigeren Phase seltsam klingt – die Zeit, endlich wieder aktiv Wirtschaftspolitik zu betreiben. Alle Arbeitnehmer, alle Unternehmer, alle Selbstständigen sorgen dafür, dass es unserem Land, unserer Region gutgeht. Es ist nicht pathetisch, Zusammenhalt einzufordern und nun an den Gemeinsinn zu appellieren. Einerseits, um die schweren Wochen zu überstehen, dann aber vor allem, um mutig voranzugehen.

In diesem Sinne: Nutzen Sie die ruhigere Zeit, um möglichst einmal Kraft zu tanken, und bleiben Sie gesund!

t.roth@volksfreund.de