Hase und Igel

Da steht der CDU in den nächsten Wochen wieder eine muntere Debatte ins Haus. Kann die Partei in den großen Städten überhaupt noch gewinnen? Die Frage der Mehrheitsfähigkeit stellen sich die Christdemokraten schon seit der Bundestagswahl 2002, als die Union in den Kommunen im Durchschnitt noch nicht einmal 30 Prozent schaffte.

Verbessert hat sich seitdem wenig. Und das Ergebnis der Oberbürgermeisterwahl von Stuttgart lässt aus Sicht der Union Schlimmes für die Bundestagswahl im kommenden Jahr erwarten.
Es gab sogar mal eine Kommission, die von Angela Merkel als Reaktion auf die massiven städtischen Probleme eingerichtet worden war. Sie riet zum Beispiel, viel mehr auf die Entwicklung in den großen Kommunen zu schauen und darauf zu reagieren. Aber Papier ist geduldig. Der Wähler ist es nicht. Zwar gilt: Immer, wenn sich die Partei geöffnet hat, fortschrittlicher und liberaler wurde, ist sie auch in der Lage gewesen, neue Wähler zu gewinnen. Siehe Elterngeld. Doch das Problem der CDU bleibt, das sie zu oft erst dann in der Modernität ankommt, wenn andere schon längst da sind. Es ist wie mit Hase und Igel.
Es fehlen die eigenen, klaren Akzente, die im großstädtischen Milieu Beachtung finden könnten. Und gibt es dann doch welche, werden sie meist in einem innerparteilichen Richtungsstreit zerrieben. Die Union muss sich nicht anbiedern, aber sie muss sich programmatisch viel stärker dem Lebensgefühl und den Erwartungen der Menschen in den Kommunen öffnen. Gelingt ihr das weiterhin nicht, werden die Wähler ihr Kreuzchen auch künftig lieber woanders machen: bei den freien Wählern oder - siehe Stuttgart - bei den einst so ungeliebten Grünen.
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