(K)ein Fall wie jeder andere

(K)ein Fall wie jeder andere

Wohl nie zuvor hat in der Region das Verschwinden eines Menschen eine solche Aufmerksamkeit erfahren wie der Vermisstenfall Tanja Gräff. Die Polizei setzte auf der Suche nach Hinweisen und Spuren ganze Hundertschaften in Bewegung, drehte rund um die Trierer Fachhochschule jeden Stein um, tauchte alle Gewässer ab und bat auch die Öffentlichkeit Dutzende Male um Mithilfe.

Parallel dazu initiierte auch Tanjas Freundes- und Bekanntenkreis eine beispiellose Such-Aktion, verteilte Flugblätter, informierte auf einer eigenen Seite im Internet. Das Ergebnis all dieser Bemühungen von offizieller und nichtoffizieller Seite: mehr als 1400 Hinweise, aus denen die Ermittler letztlich 600 Spuren anlegten.

Es ist eigentlich unvorstellbar, dass unter diesen mehrfach überprüften Spuren am Ende nicht eine einzige war, die die Fahnder in dem mysteriösen Vermisstenfall zum Ziel geführt oder zumindest weitergebracht hat. Niemand hätte dann den personellen Aufwand infrage gestellt oder gewagt, die letztlich erfolglose Arbeit der Ermittler zu kritisieren.

Es ist verständlich, dass Tanjas Eltern jetzt, wo die Ermittlungskommission aufgelöst wird, enttäuscht sind, vielleicht sogar wütend. Ihnen bleibt die Ungewissheit über das Schicksal der wahrscheinlich einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallenen einzigen Tochter und die Gewissheit, dass der Täter weiter unbekannt und auf freiem Fuß ist. Dass sich daran noch etwas ändern könnte, ist unwahrscheinlich - zumal der Fall Tanja für die Polizei ab heute ein Vermisstenfall ist wie viele andere.

Andererseits: Warum soll eine Ermittlungskommission weiter bestehen bleiben, wenn alle Spuren zigfach überprüft sind und die Arbeit damit getan ist?! Wer als Kriminalbeamter zur Ermittlungskommission abgestellt ist, fehlt schließlich in einem anderen Fachkommissariat.

Mangelnden Erfolg kann man der Trierer Polizei im Vermissten-Fall Tanja Gräff vorwerfen, aber nicht mangelndes Engagement. Das gilt für den zuletzt federführenden Christian Soulier und die Ermittlungskommission; das gilt aber auch für Souliers Vorgänger Bernd Michels und die schon vor einem Jahr aufgelöste, bis zu 60-köpfige Sonderkommission. Die Beamten haben alles daran gesetzt, das vermutete Gewaltverbrechen aufzuklären. Dass nach über anderthalb Jahren weder der Tatort bekannt ist noch das Opfer oder der Täter gefunden sind, ist tragisch.

r.seydewitz@volksfreund.de