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Kommentar zur Festnahme nach dem BVB-Anschlag: Börsenspiele mit der Angst

Kommentar zur Festnahme nach dem BVB-Anschlag: Börsenspiele mit der Angst

Der Bombenanschlag auf die Mannschaft von Borussia Dortmund eröffnet eine neue Dimension von Kriminalität in Deutschland. Dennoch sollte sich die Gesellschaft nicht davon einschüchtern lassen, meint Thomas Zeller in seinem Kommentar.

 Thomas Zeller
Thomas Zeller Foto: Klaus Kimmling

Es ist ein Schreckgespenst, das die Aufsichtsbehörden der weltweiten Börsen seit Jahrzehnten umtreibt: Die Kursmanipulation durch einen Terrorakt. Nun scheint genau dieser Fall in Dortmund eingetreten zu sein. Ein 28-Jähriger soll drei Bomben gezündet haben, um die Mannschaft des Fußballvereins Borussia Dortmund empfindlich zu schädigen. Sein Kalkül war es anscheinend, mit der Explosion Spieler schwer zu verletzen oder zu töten. Das hätte den Aktienkurs des börsennotierten Clubs abstürzen lassen und genau darauf hatte der Attentäter sein Geld gesetzt.

Sollten sich die jetzt erhobenen Vorwürfe erhärten, wäre dieser Fall, zumindest in Deutschland, ein bisher nahezu einmaliger Vorgang. Spekulationen zu Börsenmanipulationen gab es zwar auch schon um die Anschläge rund um den 11. September 2001. Die Hintermänner konnten jedoch nie genau ermittelt werden. So bleibt es bis heute rätselhaft, warum an der Chicagoer Börse im Vorfeld der Terrorakte die Wetten auf Kursverluste von United Airlines, einer der beiden Fluggesellschaften, deren Maschinen für den Anschlag entführt wurden, massiv zunahmen. Die amerikanische Börsenaufsicht ermittelte zwar, verlor aber die Spur der Millionengewinne im Netz der Offshore-Zentren von Cayman Island bis Liechtenstein und den hier registrierten Briefkastenfirmen.

Wenn der Verdächtige aber wirklich geglaubt haben sollte, ebenso ungeschoren davonzukommen, wie die dubiosen Spekulanten von 2001, dann ist er einem gewaltigen Irrtum aufgesessen. Denn seither hat sich eine Menge getan. Dank zahlreicher Steuerskandale gibt es in der westlichen Welt faktisch kein Bankgeheimnis mehr. Anonyme Wertpapierkäufe sind so mittlerweile so gut wie unmöglich. Deshalb wundert es auch nicht, dass ein wichtiger Tipp für die Ermittler dieses Mal anscheinend direkt von dem Kreditinstitut des Verdächtigen kam.

Unsere Gesellschaft hat in den vergangenen Jahren schmerzlich lernen müssen, mit religiösem und politischem Extremismus umzugehen. Der Reflex, die Schuldigen des Attentats zunächst in diesem Umfeld zu suchen, ist deshalb zwar verständlich, zeigt aber auch, wie wichtig es ist, Umsicht bei der Einschätzung von Anschlägen zu bewahren. Die Bundesanwaltschaft hätte deshalb gut daran getan, in Pressekonferenzen nicht gleich Zusammenhänge mit der islamistischen Szene herzustellen und damit die öffentliche Paranoia zu nähren.

Am Ende bleibt Ratlosigkeit darüber, wie ein Mensch aus reiner Habgier einen solchen Anschlag planen und umsetzen kann. Mit der Auswahl seiner Ziele, den Mitgliedern einer prominenten Fußballmannschaft, hat der Verdächtige eine neue Dimension von Kriminalität eröffnet. Aber ähnlich wie bei extremistisch motivierten Attentaten gilt, dass wir uns davon nicht einschüchtern lassen dürfen.