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Meinung
Kontinent auf der Kippe

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Berlin. Warum sich die EU in Nordafrika engagieren muss. Von Werner Kolhoff

Als Mali im Jahr 2012 im Chaos zu versinken drohte, erschrak Europa. Nach Libyen schien hier ein weiterer nordafrikanischer Staat zu scheitern. Mit allen Folgen: Noch mehr islamistische Terroristen, noch mehr Flüchtlinge, die auf ihrem Weg nach Norden von niemandem mehr aufgehalten, allenfalls noch brutaler ausgeplündert werden, noch mehr Hunger und Krieg im Vorhof Europas. Frankreich stabilisierte das Land damals mit einem militärischen Ad-hoc-Einsatz. Inzwischen ist daraus eine UN-Mission mit starker deutscher Beteiligung geworden.
Aber Mali ist nur einer von vielen wackeligen Staaten in einer riesigen Problemregion namens Sahel-Zone. Es ist eine Region mit rasantem Bevölkerungswachstum, mit fortschreitender Wüstenbildung, mit Wassermangel, Verarmung und Terror. Es gibt manche positive Entwicklungen, etwa in Äthiopien oder im Tschad, aber es ist das ewige afrikanische Problem, dass Erfolge schnell wieder eingerissen werden: durch Despoten, durch Korruption, durch Naturkatastrophen und ethnische Konflikte.
Es war überfällig, dass sich die EU nun dieser Region sehr konzentriert widmet, über einen punktuellen Militäreinsatz hinaus. Am Freitag mit einer Sonderkonferenz, die zunächst das Ziel hatte, die Sicherheitsanstrengungen in den Sahel-Ländern langfristig mitzufinanzieren. Immerhin sind fünf der Staaten bereit, gemeinsam eine Truppe aufzustellen, um die islamistischen Terrorbanden und auch die kriminellen Schleuser in Schach zu halten. Die auf 100 Millionen Euro verdoppelten EU-Mittel sind Hilfe zur militärischen Selbsthilfe..
Doch wichtiger ist eine Gesamt­strategie, die über das Militärische deutlich hinausgeht. Nach vielen Jahren der Ignoranz scheint die Notwendigkeit einer solchen  koordinierten Nordafrikapolitik nun in das Bewusstsein Brüssels und der europäischen Regierungen gedrungen zu sein. Frankreich will in den kommenden fünf Jahren 1,2 Milliarden für Entwicklungsprojekte allein im Sahel ausgeben, Deutschland ähnlich viel. Der Koalitionsvertrag der neuen Groko sieht überdies die weitere Integration des Maghreb in den europäischen Wirtschaftsraum und die Unterstützung eines neuen afrikanisch-europäischen Abkommens vor. Die Rede ist sogar von einem Marshall-Plan für Afrika. So wie es einst einen Marshall-Plan für Deutschland gab.

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