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Meinung
Dicke Luft beim Nahverkehr

Chefredakteur Thomas Roth
Chefredakteur Thomas Roth FOTO: Friedemann Vetter / TV
Ist Bus- und Bahnfahren bald kostenlos? Ein Vorstoß der Bundesregierung löst Diskussionen aus, immerhin. Doch dahinter steckt vor allem eines: ein Ablenkungsmanöver aus taktischen Gründen.

Ein Traum: Zu Hause in den Bus einsteigen, ab zur Bahn, dann schnell zur Arbeit – und das alles ohne zahlen zu müssen. Seit dieser Woche debattieren Politiker, Verkehrsplaner und Vertreter der Verkehrsbetriebe über den kostenlosen öffentlichen Nahverkehr. Anlass ist ein Vorstoß der Bundesregierung. Christian Schmidt, derzeit auch geschäftsführender Verkehrsminister, Umweltministerin Barbara Hendricks und Kanzleramtschef Peter Altmaier haben in einem Schreiben an die EU-Kommission angekündigt, das kostenlose Bus- und Bahnfahren einführen zu wollen – zunächst testweise in fünf Städten.

Doch was nach dem großen Wurf klingt, nach dem Start für den Verkehr der Zukunft, ist in Wirklichkeit vor allem eines: ein taktisches Manöver. Das soll bei der Kommission gute Laune schaffen und ein Klageverfahren wegen zu hoher Stickoxid-Werte in Städten vermeiden. Ganz nebenbei und ohne das Problem der Umweltbelastung kleinreden zu wollen: Die Stickoxid-Werte sinken seit Jahren – trotz etwa des unsäglichen Betrugs der Autohersteller bei Diesel-Grenzwerten. Und beim ebenfalls immer in die Schlagzeilen geratenden Feinstaub sind die direkten Abgase durch den Verkehr nur ein Teil des Problems. Der Abrieb von Kupplungen, Bremsbelägen und Reifen ist oft schlimmer – und das unabhängig vom Motor. Vor allem Laster wirbeln den Feinstaub, der sich auf und neben Straßen befindet, immer wieder in die Luft. Das alles muss bedacht werden, wenn es etwa um Fahrverbote für Autos mit bestimmten Motoren geht.

Nun soll also der kostenlose Nahverkehr die Umweltprobleme lösen, vielleicht sogar den Verkehrs­­infarkt vermeiden. Und eines hat der Vorstoß immerhin ausgelöst: Es wird über Busse und Bahnen mehr gesprochen. Doch schlichtweg auf Tickets zu verzichten, wird nur wenige Herausforderungen lösen – und vor allem neue Probleme schaffen.

Das erste ist die Finanzierung: Bisher gibt es nicht einmal eine Aussage, dass und wie der Bund die Kosten für das kostenlose Bus- und Bahnfahren decken will. Ein Beispiel: Alleine Hamburg rechnet mit fast einer Milliarde fehlender Erlöse pro Jahr – und das bei den derzeitigen Fahrgastzahlen.

Das zweite ist der notwendige Ausbau: Eines ist sicher. Kostenloses Bus- und Bahnfahren wird zu mehr Fahrgästen führen. Die nächsten Milliarden sind also notwendig, um neue Fahrzeuge zu kaufen. Die müssen möglichst modern sein – der alte Dieselbus ist nicht die Lösung. Das wird teuer und lange Zeit dauern. Und gerade in einer Region wie unserer, in der Pendler und Bürger, die auf dem Land leben, derzeit in vielen Orten aufs Auto angewiesen sind, ist mit häufigeren Verbindungen alleine nichts gewonnen. Es müssten ganz neue Strecken eingeführt werden. Bus- und Bahnfahren muss attraktiv sein. So attraktiv, dass die Menschen freiwillig umsteigen wollen. Die Diskussion in dieser Woche ging aber teilweise schon wieder in eine andere Richtung: Bestraft die Autofahrer, macht das Fahren mit dem PKW so unattraktiv, dass es sich nicht mehr lohnt.

Wer so vorgeht, wird nur eines schaffen: Dass der sinnvolle Schritt zur Stärkung des öffentlichen Nahverkehrs als Zwang aufgefasst wird, als Idee einiger in Amtsstuben oder an elitären Universitäten. Erst Bus- und Bahnverbindungen attraktiver machen, gerne auch günstiger, dann Autoverkehr an besonders belasteten Stellen einschränken, dieses Vorgehen sorgte nicht nur für saubere Luft in Städten, es vermeidet auch dicke Luft bei den Bürgern.

t.roth@volksfreund.de