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Mann ohne Programm

Wer glaubt, dass mit der eiligen Ausrufung von Sigmar Gabriel zum SPD-Vorsitzenden das rote Drama endlich beendet ist, der wird sich täuschen: Es wird weitergehen bei den Sozialdemokraten. Von Hagen Strauß

Spätestens dann, wenn die konkrete inhaltliche Neuausrichtung der Partei ansteht, drohen der SPD weitere Zerreißproben. Klug war es von Gabriel, sich Olaf Scholz, den noch amtierenden Arbeitsminister, mit ins Boot zu holen. Mit dem soliden Pragmatiker werden die radikalen Linksrutscher um Andrea Nahles und Klaus Wowereit ein Stückchen mehr ausgebremst. Aber sonst?

Nun muss ausgerechnet Gabriel, der Mann ohne Programm, der bisher kaum durch Prinzipien und nur wenig durch Inhalt aufgefallen ist, die SPD völlig neu positionieren. Überzeugend ist das nicht. Gabriel wird viel Mühe darauf verwenden müssen, sich einen Ruf als Vordenker zu erarbeiten, den die SPD dringend benötigt. Ein solches Image hat der künftige Parteichef nicht.

Ähnlich war es auch bei Kurt Beck, dessen Schicksal am Ende durch seine inhaltliche Leichtfüßigkeit auf der großen Berliner Bühne mitbesiegelt wurde. Gabriel hat gegenüber Beck einen Vorteil: Er ist wortgewaltiger und kampfeslustiger, der Niedersachse hat die Skrupellosigkeit im Umgang mit dem politischen Gegner, die nötig ist, wenn man eine am Boden liegende Partei aufrichten muss.

Das ist wenigstens etwas. Damit ist aber auch klar: Gabriel wird nicht nur Parteivorsitzender, sondern auch der heimliche Oppositionsführer sein. Er muss sogar, weil Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier viel zu wenig davon hat.

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