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Meinung
Mehr Bürger mit Doppelpass – kein Grund zur Sorge

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Berlin. Der Doppelpass war in Deutschland immer schon ein Reizthema. Man erinnere sich nur an die Unterschriftenkampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft vor nunmehr fast zwei Jahrzehnten in Hessen. Ihrem Initiator und damaligen CDU-Spitzenkandidaten Roland Koch bescherte sie seinerzeit einen unverhofften Sieg bei der dortigen Landtagswahl. Von Stefan Vetter

Zuletzt flammte die Debatte öfter im Zusammenhang mit den Sympathiebekundungen vieler hier lebender Türken für Recep Tayyip Erdogan, den Autokraten vom Bosporus, auf. Und nun tut die Statistik das ihrige dazu: Nach den aktuellen Zahlen behalten mittlerweile sechs von zehn in Deutschland eingebürgerten Menschen den Pass aus ihrem Herkunftsland.Aber muss man sich darüber wirklich Sorgen machen?

Nein, das muss man nicht. Zumal es für das am meisten strapazierte Gegenargument, damit werde die Integration erschwert oder gar unmöglich gemacht, keine Belege gibt.

Lange Zeit basierte die deutsche Staatsangehörigkeit auf dem Abstammungsprinzip. Demnach war nur Deutscher, wer deutsche Eltern hatte. Mittlerweile trägt das Staatsangehörigkeitsrecht der Tatsache weitgehend Rechnung, dass Deutschland ein Einwanderungsland geworden ist. Untersuchungen zufolge lassen sich Migranten in Staaten, in denen der Doppelpass erlaubt ist, häufiger einbürgern als in Staaten, die sich dagegen sperren. Demnach könnte der Doppelpass die Integration sogar eher begünstigen als sie zu verhindern.

Trotzdem mangelt es bis heute nicht an Versuchen, die Regeln der doppelten Staatsbürgerschaft wieder abzuschaffen. Bei der CDU gibt es dafür sogar einen Parteitagsbeschluss. Dabei hätte die Rolle rückwärts ein großes Verhetzungspotenzial. Wer das nicht wahrhaben will, der sollte sich noch einmal die Kampagne in Hessen aus dem Jahr 1999 ins Gedächtnis rufen. „Wo kann man hier gegen Ausländer unterschreiben?“, lautete seinerzeit eine oft zitierte Frage. Und an die AfD war damals noch gar nicht zu denken …

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