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Die Woche im Blick
Der Kampf um Merkels Nachfolge

Thomas Roth, Chefredakteur
Thomas Roth, Chefredakteur FOTO: TV / Friedemann Vetter
Der Wahlkampf ist eröffnet. Kaum gab Angela Merkel am Montag bekannt, dass sie sich als CDU-Chefin zurückzieht, drehte sich das Kandidatenkarussell. Von Thomas Roth

Annegret Kramp-Karrenbauer wagte sich noch in der Präsidiumssitzung nach vorne und soll großen Applaus erhalten haben. Die Saarländerin ist nicht nur deswegen Favoritin: Sie gab das Ministerpräsidentenamt im Saarland auf, um Generalsekretärin zu werden, stellte sich in den Dienst ihrer Partei. Und so groß der Wunsch nach Veränderung an der Spitze war und ist: Dass Merkel ihre Generalsekretärin unterstützt, ist immer noch ein Vorteil. Merkel hat die CDU für viele geöffnet, bei AKK – wie sie die Parteifreunde nennen – ist dieses Erbe sicher. Zumal sie in den vergangenen Monaten bereits versucht hat, eigene Akzente zu setzen.

Der Gegenentwurf zu Kramp-Karrenbauer ist Jens Spahn: junger Hoffnungsträger der Konservativen in der CDU, einer, der sich gegen das Etikett Merkel-Kritiker nur leise wehrt, obwohl er selbst als Gesundheitsminister ins Kabinett eingebunden ist. Er hat noch in der Präsidiumssitzung auf Kramp-Karrenbauers Vorstoß reagiert, dort seine Ansprüche deutlich gemacht. Er soll etwas verzögert reagiert und deutlich weniger Applaus erhalten haben. Doch in dieser Woche hat er auf Angriff im Wahlkampf in der CDU geschaltet – mit einem Beitrag für die FAZ und einem Video. Neustart ist das Motto: Spahn präsentiert sich dynamisch, will vieles anders machen – und lässt doch noch vieles unkonkret.

Größtes Problem für Spahn ist der dritte Bewerber: Der Mann, der sofort nach Merkels Ankündigung sein Interesse verlauten ließ und dabei, so die Gerüchte, von Wolfgang Schäuble unterstützt wurde. Friedrich Merz, einst von Merkel verdrängt, will endgültig in die Politik zurückkehren. Und er löste damit einen regelrechten Hype aus. Bei Konservativen ist Merz der Mann, der die CDU auf den ihrer Meinung nach rechten Weg zurückbringen kann. Er ist derjenige, der Wähler von der AfD zurücklocken soll. Ob er das schaffen kann, ohne gleichzeitig an die Grünen und die SPD zu verlieren? Noch ist Merz vor allem ein nicht eingelöstes Versprechen auf Veränderung in der Partei. Zudem ist er ein Mann, der in den vergangenen Jahren in der Wirtschaft erfolgreich war, gerade in Finanzkreisen.

Das macht Merz unverhofft zu etwas anderem: dem Hoffnungsträger vieler SPD-Anhänger. Zugegeben, das Bild ist subjektiv: Aber wie viele Genossen nun in sozialen Netzwerken über den „Neoliberalen“ Merz schreiben, wie viele sich schon jetzt an ihm abarbeiten, ist bemerkenswert und zeigt zweierlei. Einerseits polarisiert Merz. Mit ihm fände die SPD schnell einen Grund, die große Koalition zu verlassen. Andererseits haben die SPD-Anhänger die Hoffnung in die eigene Parteispitze verloren. Sie beschäftigen sich lieber mit dem Kandidaten einer anderen Partei, als auf die Vorsitzende zu vertrauen, die in dieser Woche den x-ten Vorstoß zur Erneuerung angekündigt hat. Ist es Zeit für den nächsten Wechsel bei einer großen Partei?

t.roth@volksfreund.de