1. Meinung

Nach der Messerattacke in Altena: Respekt, Herr Bürgermeister!

Die Woche im Blick : Respekt, Herr Bürgermeister!

Der Bürgermeister einer Stadt im Sauerland wird angegriffen.  Die Tat sorgt für Fassungslosigkeit, die Reaktionen darauf machen wütend.

Es ist erschütternd: Da ist ein Mensch in dieser Woche angegriffen worden, weil er zu seinen Überzeugungen steht und sich engagiert. Andreas Hollstein ist Bürgermeister im sauerländischen Altena, einer Kleinstadt, die viele Flüchtlinge freiwillig aufgenommen hat. Nun ist er wahrscheinlich genau deswegen von einem 57-Jährigen mit einem Messer attackiert worden. Mit Glück und dank der Hilfe eines Imbissbetreibers ist er dabei nur leicht am Hals verletzt worden.

Und was findet sich etwa in den Kommentarspalten im Internet zu diesem Vorfall? Da zeigt nicht nur ein Verwirrter Verständnis für den Angreifer, der Hass auf den engagierten Bürgermeister lässt nicht nach, im Gegenteil. Einige wünschen ihm den Tod, weil er unser Land verrraten habe. Und eine Frau schrieb Hollstein sogar kurz nach der Attacke: „Wenn ihre Frau Deutsch kochen würde, bräuchten Sie nicht zum Döner-Laden zu gehen.“

Bei aller Vorsicht und Zurückhaltung mit Blick auf den Hintergrund der Tat: Dass sich gewählte Politiker immer öfter beschimpfen und bedrohen lassen müssen, ist eine bedauernswerte Entwicklung. Und sie lässt sich nur stoppen, wenn viele von uns wieder mehr Respekt für die Arbeit der gewählten Vertreter vor Ort haben und dies öffentlich kundtun. Natürlich ist Kritik erlaubt, auch bei der Frage, wie viele Flüchtlinge Deutschland aufnimmt. Natürlich ist es wichtig, genau darauf zu achten, dass Gelder sinnvoll eingesetzt und nicht verschwendet werden. Natürlich muss jemand, der an der Spitze einer Kommune steht, damit rechnen, dass er in der Öffentlichkeit nicht nur gelobt wird. Doch wer Politiker generell als faul und unverfroren bezeichnet, wer Ausländer Invasoren nennt, wer Andersdenkende pauschal verunglimpft, der ist mitverantwortlich für eine Verrohung im Umgang miteinander und für den Hass, der zumindest indirekt zu Gewalt führen kann.

Und Hollstein? Der hält sich nach dem Angriff nicht zurück, was nachvollziehbar gewesen wäre. Sondern er beweist weiter Mut: Er nennt seinen Peiniger ein „Werkzeug des Hasses“ und polemisiert doch nicht. Er appelliert daran, im politischen Streit die Worte sorgsam zu wählen. Er zeigt sich öffentlich, obwohl er offen zugibt, nach der Tat verunsichert zu sein und Angst zu haben. Der Bürgermeister aus dem Sauerland ist damit Vorbild und Sinnbild für all diejenigen, die sich vor Ort engagieren und einsetzen, die Verantwortung übernehmen, die oft kritisiert und selten gelobt werden. Und die sich oft nur wünschen würden, regelmäßig das zu bekommen, was jeder Mensch verdient: Respekt.

Ansonsten wird es in den nächsten Jahren noch schwieriger werden, Kandidaten für öffentliche Positionen zu finden. Denn die Bezahlung ist – auch wenn das mancher Hass-Kommentator in seinen perfiden Sprüchen über die Absahner und Schmarotzer „da oben“ ebenfalls anders sieht – gerade an der Spitze von Kommunen für die meisten Politiker im Vergleich mit der freien Wirtschaft eher zurückhaltend.

thomas.roth@volksfreund.de