1. Meinung

Nur die Großen werden überleben

Nur die Großen werden überleben

Statistik ist manchmal gnadenlos. Vor allem, wenn sie die Zahl der Geburten darstellt. Seit Jahren kennt die Entwicklung nur eine Richtung: nach unten. Und je weniger Kinder auf die Welt kommen, desto weniger Geburtsstationen werden gebraucht.

Es macht keinen Sinn, einen hochmodernen Kreißsaal und alles, was für eine moderne, schonende Geburt wichtig ist, für den Fall vorzubereiten, dass vielleicht zwei Kinder pro Woche zur Welt kommen. Das ist schlichtweg zu teuer. Außerdem fehlt in vielen Häusern das Personal. Geburtsstationen in kleinen Kliniken werden oftmals nur durch niedergelassene Frauenärzte, als sogenannte Belegärzte, aufrechterhalten. Fest angestellte Gynäkologen gibt es dort nicht. Für die Ärzte bedeutet das nicht selten ein fast täglicher 24-Stunden-Job, sie sind rund um die Uhr in Bereitschaft.

Krankenhäuser sind Wirtschaftsunternehmen. Unabhängig davon, ob sie in kirchlicher, privater oder kommunaler Trägerschaft sind. Sie können es sich nicht leisten, auf Dauer Verluste zu machen. Daher wird - vor allem in kleineren Häusern - alles auf den Prüfstand gestellt.
Jede Kreißsaal-Schließung ist sicherlich mit vielen Emotionen verbunden, vor allem wenn Generationen in dem jeweiligen Krankenhaus zur Welt gekommen sind. Doch Geburtsstationen auf dem Land werden immer unrentabler. Daher führt kein Weg daran vorbei, sie irgendwann zu schließen. Da helfen auch keine Unterschriften und Proteste.
Die Kinder, die die Stationen am Leben halten könnten, kommen einfach nicht mehr zur Welt. Und vielerorts haben die Eltern mit den Füßen abgestimmt. Statt ihre Kinder vor Ort zur Welt zu bringen, haben sie lieber weitere Wege in Kauf genommen, um etwa in Trier oder Wittlich, wo es neben den Geburtshelfern auch erfahrene Kinderärzte gibt, zu entbinden.

Gut möglich, dass es in naher Zukunft vielleicht nur noch drei oder vier Geburtsstationen in der Region gibt. Das bedeutet, weitere Wege bis zum ersten Schrei des Kindes. Aber im Normfall ist das kein Problem. Schwangerschaft ist keine Krankheit, eine Geburt in der Regel kein Notfall. Daher ist es richtig, was die Essener Wirtschaftsforscher sagen: 30 Kilometer bis zum nächsten Kreißsaal sind - wenn es keine Komplikationen gibt - gefahrlos machbar. Und das wird wahrscheinlich in naher Zukunft viele werdende Mütter in der Region betreffen. Denn es wird unweigerlich weitere Schließungen von Geburtsstationen geben. Nur die Großen werden überleben.
b.wientjes@volksfreund.de