1. Meinung

Putin, Selenskyi, Melnyk - Krieg in der Ukraine und der Botschafter

Kommentar zum Ukraine-Krieg : Ein persönlicher Rückblick: Der ukrainische Botschafter warnte frühzeitig – und wir haben nicht zugehört

Andrij Melnyk ist seit langem Botschafter der Ukraine in Deutschland. Erinnerungen an ein Gespräch vor fünf Jahren machen deutlich, wie falsch es war, seine Warnungen vor Russland nicht ernst zu nehmen. Eine beschämte Einordnung.

Vor mehr als einer Woche startete Wladimir Putin den Überfall auf die Ukraine. Und selbst wenn das russische Militär nur langsam vorankommt, es kommt voran. Das Leid und Elend, das diese Invasion verursacht, wird mit jedem Tag größer.

Im Krieg und in jedem Konflikt versuchen alle Seiten, ihre Sicht mit redlichen und unredlichen Mitteln darzulegen und für Unterstützung zu werben. Krieg ist die Zeit der Propagandisten. Dabei zeigt Putin, dass es ihm nicht nur auf das ankommt, was er sagt, sondern vor allem auch darauf, was andere nicht sagen dürfen. So droht Journalisten in Russland eine lange Haftstrafe, wenn sie von einem Krieg schreiben.

In der Ukraine steht vor allem deren Präsident Wolodymyr Selenskyi im Mittelpunkt. Der ehemalige Fernseh-Star ist ein Profi vor der Kamera. Er weiß, was er sagen muss und wie er wirkt. Er weiß, wie es ankommt, wenn er im Armee-T-Shirt oder im Kampfanzug auftritt. Er ist damit der Mann des Volkes – der Unterschied zwischen Selenskyi, dessen Mitstreiter neben ihm stehen, und Putin, weit entfernt von allen anderen am Tisch, kann kaum größer sein.

In Deutschland prägte die vergangenen Jahre vor allem ein Mann das Bild der Ukraine: Andrij Melnyk. Der Botschafter war schon immer ein Mann der klaren Worte. Und die Erfahrungen zeigen: Es wäre besser gewesen, öfter auf ihn und seine Mahnungen zu hören. Fast genau fünf Jahre vor Beginn des jetzigen Krieges durfte ich mit Melnyk sprechen. Und erst in diesen Tagen ist mir wieder bewusst geworden, wie zutreffend viele seiner Vorhersagen waren. Und leicht beschämt muss ich zugeben, dass ich selbst bei mancher Äußerung darüber nachdachte, ob Melnyk nicht deutlich übertreibt.

Natürlich hatte der Botschafter Recht damit, dass sich sein Land im Krieg befindet – nicht erst seit einer Woche, sondern seit dem Einmarsch der Russen auf der Krim, spätestens seit den Angriffen der von Russland unterstützen Separatisten. „Die Politik Putins schließt eine unabhängige, erfolgreiche Ukraine aus“, sagte Melnyk. Er forderte schon damals, härter gegenüber Russland aufzutreten und Sanktionen zu verschärfen. Und er sagte einen Satz, der mir gerade mit etwas Abstand heute so passend wie selten zuvor vorkommt: „Man schwächt sich (...) selbst, wenn man als Vermittler ständig versucht, Neutralität zu wahren.“ Im Rückblick sind natürlich alle schlauer: Es war ein Fehler, Putin zu oft nachzugeben. Die Folge davon, die Ukraine nicht in die NATO aufzunehmen, war und ist eben nicht Frieden, sondern dass Putin sich sicher sein konnte einmarschieren zu können ohne militärische Gegenwehr des Bündnisses zu fürchten.

Bei aller gebotenen Zurückhaltung und vor allem notwendigen Einordnung auch von Wünschen aus der Ukraine. Mit vielem hatte und hat Melnyk auf den Punkt getroffen. Gerade Deutschland hat naiv gehandelt und eigene Interessen bei North Stream 2 höher gestellt als die Sicherheit anderer Länder. Von Applaus, wie ihn Melnyk nun im Bundestag bekam, hat dessen Land nichts. Dieser charismatische und stets ruhig wirkende Mann sagte uns vorher, dass Warten hemmungslose Aggressoren nur noch stärkt. Das sollte uns in diesem Konflikt, gerade aber auch bei weiteren eine Lehre sein. Und es ist wichtig, dies im Blick zu haben, wenn hoffentlich doch bald wieder die Waffen ruhen in der Ukraine.

t.roth@volksfreund.de