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| 16:41 Uhr

Die Woche im Blick
Gedenken für die Zukunft

FOTO: TV / Friedemann Vetter
Die Erinnerung ist wichtig. Für jeden Einzelnen: Wer nicht weiß, woher er kommt, wird stets grübeln. Wer nicht gute und schlechte Erfahrungen sammelt und daraus lernt, wird immer wieder Fehler machen. Von Thomas Roth

Die Erinnerung ist aber auch für eine Gesellschaft wichtig: Dessen sollten wir Deutschen uns gerade am 9. November bewusst sein. Der Schicksalstag ist mit vielem verbunden: mit der Ausrufung der Novemberrevolution vor 100 Jahren, mit dem Mauerfall 1989 und mit der Pogromnacht 1938. Diese Nacht vor 80 Jahren ist ein weiterer Schritt in das dunkelste Kapitel unseres Landes gewesen, zum Holocaust. Etwa sechs Millionen europäische Juden wurden bis 1945 ermordet.

Es ist wichtig, diese Zeit nicht auszublenden, sie nicht relativieren zu wollen, etwa als „Vogelschiss der deutschen Geschichte“. Wer das tut, zieht nicht nur einen Schlussstrich. Wer das tut, schreibt Geschichte um und verachtet die Opfer. Er verhöhnt die Menschen, die schon 1938 nicht mehr sicher sein konnten: Juden vor allem, aber auch Sinti und Roma, Homosexuelle, politische Gegner. Schlichtweg alle, die nicht in das rassistische Menschenbild der Nazis passten.

Das Abstruse an dem Versuch, die Erinnerung an die NS-Zeit möglichst klein zu halten: Er wird gerade von jenen betrieben, die sich ansonsten auf die deutsche Kultur berufen, die stolz auf das Land sein wollen und dies dann mit dem Blick zurück, mit den Erfolgen Deutschlands begründen. Um es klarzustellen: Es gibt genügend Gründe, auf unser Land stolz zu sein – und dies auszusprechen, ist nichts Nationalistisches oder gar Ehrenrühriges. Aber die Vergangenheit darf nie verschwiegen werden. Der 9. November zeigt uns in vielerlei Hinsicht, wo wir herkommen. Und er zeigt uns, wohin wir nie mehr zurückkehren dürfen: in eine Zeit, in der Menschen nach Aussehen, Abstammung, Religion oder Sexualität in Gut und Böse eingeteilt werden.

Das muss übrigens ganz nebenbei immer zu unserer Kultur gehören. Wer eine Leitkultur fordert, muss dies – wenn er demokratisch denkt – als zentralen Punkt im Blick haben. Und egal ob Leitkultur oder nicht: Natürlich dürfen und müssen wir dies von allen einfordern, die in unserem Land leben, ob hier geboren oder nicht. Es ist wichtig, sich nicht nur am 9. November etwa klarzumachen: Antisemitismus muss bekämpft werden – und er ist immer noch viel stärker verbreitet als viele es wahrhaben wollen. Vorurteile gegenüber Juden finden sich nicht nur bei Rechtsextremen. Sie zeigen sich bei Muslimen, die Israelfahnen verbrennen. Sie zeigen sich bei manchem linken Israelkritiker, der es nicht einmal bemerkt, dass er die Juden allgemein in Haftung nehmen will. Sie zeigen sich immer noch bei Menschen in der Mitte unserer Gesellschaft, die nicht hinnehmbare Witze über Juden und Geldgier erzählen.

Dagegen hilft es, den Mund aufzumachen. Dagegen hilft es, das Gedenken an die Geschichte und eben die NS-Zeit zu wahren. Und dagegen hilft es, nicht nur andere zu tolerieren, sondern sie als Teil unserer Gesellschaft zu verteidigen: unsere Juden, unsere Homosexuellen, unsere Ausländer.

t.roth@volksfreund.de