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Schlachthöfe im Blick - Warum Großbetriebe nicht automatisch schlecht sind

Kolumne : Die Großen sind die Bösen

In der Corona-Krise sind in diesen Wochen besonders die Schlachtbetriebe im Blick. Der Ausbruch im Kreis Gütersloh ist, gemessen an der Zahl der nachgewiesenen Infektionen mit Sars-CoV-2, der größte in Deutschland.

Und der Tönnies-Konzern macht es einem leicht, einen Schuldigen zu finden.

Firmenchef Clemens Tönnies ist ein Patriarch und ein umstrittener Unternehmer. Er hat die Firma zu einem der größten Schlachtbetriebe Deutschlands ausgebaut – und Schlupflöcher genutzt, die ihm Werkverträge und Leiharbeit boten. Dass osteuropäische Arbeiterinnen und Arbeiter den Erfolg garantieren, aber nur wenig verdienen und ausgenutzt werden, ist bekannt. Politiker, die nun lauthals aufschreien, hatten jahrelang Zeit, dies zu ändern. Dennoch: Tönnies hat ein System aufgebaut, das teilweise schlichtweg menschenverachtend ist. Er ist dafür verantwortlich.

Ob es ebenso nur an seinem Vorgehen liegt,  dass sich das Virus so schnell in seinem Betrieb ausgebreitet hat, ist übrigens keineswegs sicher. Vieles spricht dafür, manches aber auch dagegen. Hygieneexperten äußern etwa die Vermutung, dass die Verbreitung durch die Lüftung und Kühlung extrem beschleunigt worden sein könnte. Das Fleisch sollte möglichst rein sein, anderes spielte praktisch keine Rolle.

Tönnies ist das perfekte Feindbild. Seine Firma ebenso: Denn Größe setzen viele mit Gefahr gleich. Dabei gibt es eben nicht die Gleichung: Große Schlachterei = schlecht. Kleine Schlachterei = gut. Das funktioniert, trotz aller Bauernhof-Romantik, auch in der Landwirtschaft nicht. Mancher Großbetrieb kann wesentlich effizienter und sparsamer mit Pflanzenschutzmitteln umgehen als der Kleinbetrieb. Ganz nebenbei: Der Tante-Emma-Laden ist ebenfalls nicht immer besser als der große Supermarkt.

Übrigens: Nun wieder einmal zu sagen, wir Verbraucher seien selbst schuld an den Skandalen, weil wir ja Billigfleisch wollen, ist hanebüchen. Auch wer günstig einkaufen will, muss sich darauf verlassen können, dass der Staat für ein Mindestmaß an Arbeitsschutz und Tierschutz sorgt und Gesetze eingehalten werden. Das muss im Preis enthalten sein und nicht erst zusätzlich erkauft werden. Dafür eine neue Extra-Tierschutzabgabe einzuführen – und damit eine weitere Kennzeichnung –, wäre zugegeben etwas, was die zuständigen Politikerinnen und Politiker gut verkaufen könnten. Es wäre aber vor allem eines: Symbolpolitik, die für einen weiteren bürokratischen Verteilmechanismus sorgen würde. Ob damit das Fleisch besser wird? Ob damit mehr Geld bei den Menschen ankommt, die die anstrengende Arbeit leisten, egal ob in der Landwirtschaft oder in Schlachtbetrieben? Das ist vollkommen ungewiss. Ebenso, ob Tiere damit besser geschützt werden können.

Tatsächlich können wir bestimmen, welche Art Fleisch wir kaufen – das Etikett verrät die Haltungsform. Wir müssen uns aber ebenso darauf verlassen können, dass dies dann auch so ist – mehr Kontrollen sind daher ebenso notwendig wie die Einsicht, dass das Schweine-Schnitzel auf unserem Teller nicht ohne eine Schlachterei entsteht.

t.roth@volksfreund.de