1. Meinung

Schlaflos in Berlin

Schlaflos in Berlin

In der mehr als 100-jährigen Länderspielgeschichte hatte eine deutsche Fußball-Nationalmannschaft noch nie einen 4:0-Vorsprung verspielt. Bis vorgestern. Den herben Schweden-Happen dürften Spieler und Trainer nicht so leicht verdauen.

Berlin. Er wusste selbst nicht, wie ihm geschieht. Schwedens Trainer Erik Hamrén saß nach eigenem Bekunden "mit einem komischen Gefühl im Magen" auf dem Pressekonferenz-Podium im Bauch des Berliner Olympiastadions. 4:4 nach 0:4 - da versagten auch bei dem erfahrenen Übungsleiter die analytischen Fähigkeiten.
Stattdessen spiegelten Schlagworte seine Gefühlswelt wider. "Grandios" sei der Punktgewinn. Seine Mannschaft habe nach einer grottenschlechten ersten Halbzeit "Moral" gezeigt und sei bei ihrer "Ehre" gepackt worden. Er sei schlicht "stolz" - auf die Leistung seines Teams, auf seinen Stürmerstar Zlatan Ibrahimovic, der sich mit einer wirkungsvollen Kabinenansprache in der Pause als sehr guter Kapitän erwiesen habe, und ein wenig wohl auch auf sich selbst, weil er mit den Einwechslungen von Kim Källström und Alexander Kacaniklic zur zweiten Halbzeit die richtigen Akzente gesetzt hatte. "Ich wollte nach dem 0:4 nicht nach Hause gehen, sondern sehen, wie wir uns aus der Affäre ziehen. Ich bin froh, dass ich geblieben bin", sagte der 55-Jährige mit einem Augenzwinkern. Er verabschiedete sich mit den Worten: "Ich werde gut schlafen."
Sein Trainerkollege Joachim Löw prophezeite dagegen, wohl wenig bis keinen Schlaf zu bekommen. Eine Stunde lang wirbelte die deutsche Auswahl den Gegner durcheinander, um dann in der letzten halben Stunde völlig den Faden zu verlieren. Eine Selbstdemontage nach gezeigter Fußballkunst. "Wir müssen daraus lernen, dass man das Spiel auch konsequent zu Ende bringt, wenn man führt. Bei den Gegentoren hat die gesamte Mannschaft nicht gut gearbeitet. Wenn wir konzentriert sind, können wir auf unglaublich hohem Niveau spielen. Aber nur dann. Wenn wir nachlassen, passieren eben solche Dinge. Es soll uns eine Lehre für alle Zeiten sein", versuchte sich Löw an der Einordnung eines Spiels, "das wir alle in solch einer Form noch nicht erlebt haben".
Dass dem 4:4-Ausgleich in der Nachspielzeit ein Foul von Ibrahimovic an Per Mertesacker vorausging, geriet angesichts des Unfassbaren zur Randnotiz. "Wir müssen lernen, dass man auf internationalem Niveau keine Sekunde nachlassen darf. Man muss jeden Pass, jeden Einwurf ernst nehmen", ließ Kapitän Philipp Lahm verlauten, der sich ein wenig an das Champions-League-Finale 2005 erinnert fühlte. Damals führte der AC Mailand zur Halbzeit mit 3:0 gegen den FC Liverpool. Die Engländer kamen noch zum Ausgleich und gewannen den Pokal schließlich nach Elfmeterschießen.
Meinung

Untergangsszenarien sind unangebracht
Jetzt haut Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff auf den Tisch. Nach dem spektakulären und gleichzeitig bizarren 4:4 gegen Schweden kündigte er eine knallharte Analyse an. Ausgerechnet er, der zuvor noch Kritiker der Nationalelf vehement in die Schranken verwiesen hatte. Das klingt nach Aktionismus und Populismus. Ohne Zweifel müssen bestimmte Dinge hinterfragt werden. Fehlentwicklungen waren in der letzten halben Stunde der Partie gegen die Skandinavier unübersehbar. Und nicht nur da. Nur in fünf der 26 Länderspiele in den Jahren 2011 und 2012 blieb die deutsche Elf ohne Gegentor. Gegen Schweden agierte die Mannschaft am Ende nicht nur schludrig, sondern fahrlässig. Solch einen Einbruch darf sich ein mit reichlich Länderspielerfahrung ausgestattetes Team normalerweise nicht leisten. Trainer Joachim Löw muss ein Abwehrproblem beheben, das nicht nur die Abwehrspieler betrifft. Und warum gab es keinen Spieler in der DFB-Elf, der nach dem ersten, nach dem zweiten oder spätestens nach dem dritten Gegentor versucht hat, den Laden zu stabilisieren? Zu glauben, dass mit dem Unentschieden nun das Ende des Abendlands eingeläutet worden ist, wäre aber wahrlich übertrieben. In der Vergangenheit hat es im Vereins- und Verbandsfußball immer wieder Partien gegeben, deren Verläufe schlicht nicht nachvollziehbar waren. Und seien wir doch mal ehrlich: Genau das macht doch den Reiz des Fußballs aus! Dass eben nicht alles erklärbar, sezierbar und damit vorhersehbar ist. m.blahak@volksfreund.de