1. Meinung

Schuld und moralische Verantwortung

Schuld und moralische Verantwortung

Die Urteile im Luxair-Prozess sind in Ordnung. Auch wenn sie sicherlich nicht den Erwartungen der Hinterbliebenen der Absturzopfer entsprechen.

Doch gibt es einen gerechten Richterspruch für den Tod eines geliebten Menschen? Wohl kaum. Dass die vier Verurteilten zu Haftstrafen auf Bewährung verurteilt worden sind, ist aus deutscher Perspektive ungewöhnlich. Wer hier zu mehr als zwei Jahren verurteilt wird, landet auf jeden Fall im Gefängnis. In Luxemburg können sogar mehrjährige Freiheitsstrafen ganz oder teilweise ausgesetzt werden. Das liegt im Ermessen des jeweiligen Richters. Und das kam den nun Verurteilten zugute.
Auch wenn der Vorsitzende der Kriminalkammer von Beginn des Mammutprozesses an keinen Zweifel daran ließ, dass er den Piloten, den Chefmechaniker und die beiden Flugzeugtechniker für die Hauptverantwortlichen gehalten hat, hat er beim Urteil Gnade vor Recht walten lassen. Was sicherlich auch der ungewöhnlich langen Verfahrensdauer von über neun Jahren geschuldet ist.
Es wäre sicherlich schwer nachzuvollziehen, dass nach dieser Zeit, in der sich die Angeklagten mehr oder weniger ein neues Leben aufgebaut haben, dann doch noch "einrücken" müssen. Zumal der Pilot für immer mit der Schuld am Tod von 20 Menschen leben muss.
Das Gericht hat die Schuldigen an der Katastrophe vom 6. November benannt und damit den strafrechtlichen Schlussstrich unter die unsäglich langen, für die Angehörigen zur Qual gewordenen Ermittlungen gezogen.
Auch das System Luxair hat bei dem Prozess auf der Anklagebank gesessen. Ein System, das in den Jahren vor dem Absturz offenbar geprägt gewesen war von mangelnder Autorität, fehlenden Verantwortlichkeiten und einer klaren Hierarchie. Ein Saftladen sei die Fluggesellschaft bis dahin gewesen, sagen ehemalige Mitarbeiter.
Ein System, das dazu geführt hat, dass sich Techniker offenbar nicht verantwortlich gefühlt haben, auf Missstände hinzuweisen und Mängel zu beseitigen. Ein System, das dazu geführt hat, dass einige der Piloten sich quasi als autonome Gruppe innerhalb von Luxair gefühlt haben, die nicht an Weisungen der Luxair-Oberen gebunden ist. Ein System, das vermutlich dazu beigetragen hat, dass 20 Menschen gestorben sind. Daher haben auch die Verantwortlichen dieses Systems, nämlich drei frühere Generaldirektoren, auf der Anklagebank gesessen. Auch wenn ihnen persönlich keine Mitschuld an dem Unglück nachgewiesen werden konnte, ist es richtig gewesen, dass sie sich dafür verantworten mussten. Sie tragen zumindest eine moralische Verantwortung an der Katastrophe.

b.wientjes@volksfreund.de