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Schulz steigt in den Ring

Die Woche im Blick: Laute Töne, markige Worte, viele Besucher - in Trier gab es für Martin Schulz großen Applaus. Ein Vergleich mit dem Boxsport. Thomas Roth, Chefredakteur

Es dröhnt aus den Boxen. Ohne Gesang, aber doch leicht zu erkennen, begleitet die Musik der Red Hot Chili Peppers den SPD-Kanzlerkandidaten in Trier durch die Menge. Es sind dieselben Klänge, zu denen Wladimir Klitschko in den Ring stieg.

Martin Schulz, der Kämpfer. Er greift Angela Merkel an, schaltet spürbar in den Angriffsmodus. Schulz, der Verteidiger. Er fordert mehr Gerechtigkeit, zeigt sich als Anwalt derjenigen, die weniger verdienen. Schulz, der Stratege. Überraschendes gibt es an diesem Tag wenig, das dürfte in den nächsten Wochen an gleicher Stelle bei anderen Parteien kaum anders sein. Doch mit der Forderung nach einem Abzug der Atomwaffen setzt Schulz doch Akzente - gerade in unserer Region ist dieses Thema hochaktuell. Schulz, der Mann neben dem Ring. Da zeigt sich der Vorteil des Politikers, der von außen kommt, nicht im Bundestag sitzt, nicht an der Regierung beteiligt ist und war. Denn immerhin stellt die SPD seit Jahren den Außenminister. Und bisher waren von dort keine großen Vorstöße zu hören, um die USA zum Abzug der Atomwaffen aus Büchel zu bringen.

Die Sonne scheint in Trier - und es ist für den politisch neutralen Beobachter erfreulich, dass mehr Zuschauer als erwartet kommen - 1500 lautet die Schätzung. Natürlich: In den ersten Reihen schwenken die Parteifreunde für Schulz die Fahnen, doch selbst dahinter ist der Platz gut gefüllt. Andere bleiben bei ihrem Weg durch die Fußgängerzone an der Porta Nigra stehen, hören dem SPD-Vorsitzenden zu. Das Interesse am Wahlkampf nimmt zu - zumindest, wenn die Kandidaten so nah sind.

Die große Frage ist entschieden, sagen viele. Merkel schlägt Schulz. Dessen K.o. sei vorherzusehen - die Klitschko-Musik passend. Auch der musste nach dem letzten Kampf seine Niederlage eingestehen.

Doch es gibt immer noch andere Stimmen. Interessanterweise durchaus aus Unionskreisen - in Rheinland-Pfalz kommen Erinnerungen an die Landtagswahl 2016 hoch. "Wir konnten nicht mehr zulegen", gibt ein Abgeordneter im Gespräch rückblickend zu. Noch ist die Sorge nicht zu groß bei der CDU, aber eine gewisse Unsicherheit bleibt. Schulz ist zumindest im Wahlkampfmodus, versucht alles. Und Angela Merkel? Die wird bald an selber Stelle stehen wie Schulz, ebenfalls in Trier reden. Für die Bürger bietet dies die Chance, sich selbst ein Bild zu machen. Wir werden für Sie vergleichen, falls Sie keine Zeit haben. Welche Musik wählt Merkel? Wie viele Zuschauer kommen zu ihr? Vor allem aber: Welche Aussagen, welche Themen sind ihr wichtig? Wird sie überraschen?

Oder kommt es doch letztendlich auf die kleineren Parteien an? - auch FDP-, Grüne- und AfD-Kandidaten werden sich in den nächsten Wochen präsentieren. Und falls Schulz etwas aufholt, werden sie die entscheidende Rolle spielen. Langweiliger Wahlkampf? Das sehen wohl nicht nur die 1500 Zuschauer des Schulz-Auftritts anders.
t.roth@volksfreund.de