Steinmeier oder Westerwelle

Wenn der CSU-Chef die Kanzlerin in allerhöchsten Tönen preist, ist Gefahr im Verzug. Gestern Morgen lobte Horst Seehofer Angela Merkel im Gespräch mit dem Deutschlandfunk derart penetrant, dass jeder misstrauisch werden muss.

Sie führe einen ausgesprochen engagierten Wahlkampf, sei überaus präsent, immer wieder in Bayern auf Tour, komme hervorragend bei den Menschen an, kümmere sich nebenher noch die Regierungsgeschäfte und um die internationalen Verpflichtungen Deutschlands. Nein, er verstehe gar nicht, wie jemand da meckern könne. Erstklassige Arbeit mache sie, die Kanzlerin.

Die Vermutung liegt nahe, dass Seehofer bei seinen seltenen Merkel-Lobpreisungen die neuesten Umfragezahlen schon kannte. Sie sind alles in allem für die CDU/CSU zwar stabil, aber sie sagen eindeutig: Es wird richtig eng für ein Bündnis mit dem Wunschpartner FDP. Da tut der Schulterschluss not. Wähler wollen keinen Krach, schon gar nicht unter Geschwistern. Das weiß Seehofer und dreht bei. Zumal die FDP sich auf ihrem Parteitag am Montag natürlich für eine Koalition mit den Konservativen aussprechen wird. Doch alle wissen, es wird knapp, diese Messe ist noch längst nicht gelesen. Daher die demonstrative Friedfertigkeit.

Weit schlechter sieht die Situation für die SPD aus. Sie hat zwar nach den neuesten Zahlen leicht zugelegt, aber 25 Prozent sind nach wie vor eine bittere Pille für die Sozialdemokraten. Zumal es vermutlich nicht zu einer Mehrheit links der Mitte mit Grünen und Linken reichen würde, wenn man es denn wollte.

Und selbst wenn die Zahlen sich in den nächsten Tagen noch drehen und eine Zusammenarbeit mit den Linken rein rechnerisch machbar wird, steht die SPD derart eindeutig im Wort, auf Bundesebene nicht mit Lafontaine & Co. zu paktieren, dass es politischem Selbstmord gleichkäme, es später doch zu tun.

So bitter das für die alte Arbeiterpartei sein mag: Die einzig realistische Chance auf Beteiligung an der Macht liegt - realistisch betrachtet - eindeutig in einer Fortsetzung der Großen Koalition. Eine Katastrophe wäre das für die SPD wohl kaum, wie unlängst ja sogar führende Genossen laut zum Besten gaben.

Zusammengefasst bedeuten die aktuellen Zahlen: Die neue Kanzlerin wird wieder Angela Merkel heißen. Einzig offen ist der Name des Vizekanzlers: Frank-Walter Steinmeier oder Guido Westerwelle.

d.schwickerath@volksfreund.de

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