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Kommentar zur Deutschen Bahn
Großbaustelle Bahn

FOTO: Schramm, Johannes / TV
Berlin. Die peinlichen Vorkommnisse bei der Fahrplanumstellung zeigen: Mancher Stress bei der Bahn ist hausgemacht. Von Werner Kolhoff

Das Geschehen bei der Bahn erinnert derzeit fatal an den ­legendären Satz des Ex-Bayern-Profis Jürgen („die Kobra“) Wegmann: „Erst hatten wir kein Glück, dann kam auch noch Pech dazu.“ Wie wär’s mal mit Können? Die peinlichen Vorkommnisse bei der Fahrplan­umstellung und der Inbetriebnahme der neuen Schnellstrecke Berlin-München sind nicht nur als bedauerliche Aneinanderreihung von Zufällen zu erklären. Auch wenn natürlich ein technischer Defekt immer mal vorkommen kann. Ebenso wie Zwischenfälle auf den Strecken, Wildunfälle oder Selbstmorde.

Und dass es ausgerechnet am Tag einer umfassenden Fahrplanumstellung einen starken Wintereinbruch gab, war tatsächlich Pech. Allerdings ein vorhersehbares. So selten ist Schnee im Dezember ja nun auch wieder nicht. Die Probleme haben eben auch systemische Ursachen. Die wichtigsten heißen: zu großer Ehrgeiz, zu wenig Sorgfalt und zu verschwommene Verantwortung. Kurzum: Fehler in der Unternehmenskultur.

Groß ist die Bahn im Marketing. Eine Welt superschneller Züge mit maximalem Komfort wird da an die Wand gemalt. Neuerdings auch mit Internet; darauf musste freilich der Verkehrsminister erst drängen. Klein ist die Bahn jedoch im Detail. „Heute umgekehrte Wagenfolge“, „Bistro geschlossen“, „Platzreservierung ausgefallen“, „Sie erreichen folgende Anschlusszüge leider nicht mehr“ – das ist Alltag für jeden Nutzer. Vor allem für berufliche Vielfahrer, für die Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit das Wichtigste ist.

Obwohl diese Alltagsprobleme nicht bewältigt sind, werden immer schon die nächsten, großen Sprünge gemacht. Warum wird ein offenbar noch nicht völlig ausgereiftes Signalsystem nicht vor der Eröffnung einer Schnellstrecke umfassend geprüft? Warum findet der ehrgeizigste Fahrplanwechsel aller Zeiten ohne eine ausreichende Zahl von Reservezügen statt, wenn man doch weiß, dass es im Winter noch mehr technische Probleme gibt als sonst? Warum ist der Fahrplan überhaupt so eng gestrickt, dass es praktisch überhaupt keine Puffer gibt.

Und warum schafft man trotz Digitalisierung und Bahn-App immer noch keine schnelle und zuverlässige Information der wartenden Kunden in den Zügen und auf den Bahnhöfen? Die wären meist doch schon zufrieden, wenn sie wüssten, warum sie hier stehen, wie lange sie hier noch stehen müssen und wie sie trotzdem an ihr Ziel kommen. Fragen, die ein Logistik­unternehmen seinen Kunden eigentlich innerhalb weniger Minuten zu jeder Tages- und Nachtzeit beantworten können müsste.

Mit dem verpatzten Fahrplanwechsel und dem peinlichen Start der Neubaustrecke hat die Bahn vorläufig die große Chance vertan, mehr Menschen auf dieses umweltfreundliche Verkehrsmittel zu locken. Die verbauten zehn Milliarden Euro sind PR-mäßig erst einmal in den Wind geschossen. Der Bund als Eigentümer des Unternehmens muss dem Management wohl mal einige Ansagen machen.

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