1. Meinung

Tödlicher Kreislauf

Tödlicher Kreislauf

Es ist schon eine zynische Logik, die dazu führt, dass die Organspendebereitschaft hierzulande immer weiter schrumpft. Weil viel zu wenig Organe gespendet werden, erhöht sich die Gefahr, dass angesichts der verzweifelten Situation der Betroffenen an der Vergabe herummanipuliert wird.


Wenn entsprechende Manipulationen bekannt werden, sinkt die Spendenbereitschaft weiter. Dann gibt es noch weniger Organe, und die Versuchung, damit krumme Geschäfte zu machen, wächst noch mehr. Kommen die krummen Geschäfte wiederum heraus ... und so weiter und so fort.
Für Menschen, die unter buchstäblicher Lebensgefahr auf ein Spenderorgan warten, wird aus diesem Kreislauf eine regelrechte Todesspirale. Ein Leben auf immer kleinerer Flamme, mit schwindender Hoffnung. Und das in dem Wissen, dass es durchaus Chancen aufs Überleben gäbe, wenn die Spendenbereitschaft größer wäre.
Eins ist klar: Es gibt keine Pflicht zur Organspende. Wer aus fundierten ethischen oder religiösen Erwägungen heraus einen solchen Schritt ablehnt, hat dazu alles Recht der Welt. Und wer nachts nicht mehr schlafen kann aus Angst, als Organspender von übelwollenden Ärzten vorzeitig aus dem Leben befördert zu werden, der sollte tatsächlich besser darauf verzichten, einen Organspendeausweis auszufüllen.
Aber Hand aufs Herz: Auf wen treffen diese beiden Kriterien wirklich zu? Ist das nicht im Normalfall eher ein diffuses Unbehagen, das einen davon abhält, diesen Schritt zu gehen? So ein komisches Bauchgefühl? Gepaart mit der Bequemlichkeit, sich durch Ignorieren des Themas gar nicht erst mit der unangenehmen Situation am Lebensende beschäftigen zu müssen? Und sind uns nicht die Skandale oft ein willkommener Vorwand, die Entscheidung über einen Spenderausweis auf den Sankt- Nimmerleins-Tag zu verschieben - obwohl wir irgendwo ahnen, dass es richtig und wichtig wäre, sich unter die potenziellen Spender einzureihen?
Vielleicht muss man sich manchmal vorstellen, es wäre nicht irgend ein anonymer Empfänger, der eine Organspende braucht. Sondern der Lebenspartner. Oder die eigenen Kinder. Enge Freunde oder gute Nachbarn. Allein in unserer Region sind das 120 Menschen. Keine Zahlen in einer Statistik. Menschen. Und was ihnen passiert, kann jedem passieren. Morgen schon.
Wer will, dass ihm und seinen Nächsten in einem solchen Fall durch Organspende geholfen wird, sollte auch bereit sein anderen zu helfen.
Einem Menschen das Leben zu schenken, wenn das eigene endet: Das könnte doch auch ein tröstlicher Gedanke sein.
d.lintz@volksfreund.de