Ungenutzte Potenziale

Ungenutzte Potenziale

Zur Fachkräftesituation ist weder Panikmache noch Selbstzufriedenheit angezeigt.

Es mag Zufall gewesen sein, dass die Fachkräftesituation in Deutschland am Mittwoch gleich doppelt ins politische Rampenlicht geriet: Das Bundeskabinett befasste sich damit turnusgemäß in einem "Fortschrittsbericht", während eine zeitgleich veröffentlichte Prognos-Studie düstere Zahlen beisteuerte. Dabei ist weder Selbstzufriedenheit noch Panikmache angezeigt.

Zunächst einmal führt kein Weg an der Tatsache vorbei, dass sich die Zahl der Fachkräfte schon wegen der demografischen Entwicklung lichten wird. Umso mehr kommt es darauf an, die vorhandenen Potenziale optimal zu nutzen. Wenn längerfristig zum Beispiel Lastwagenfahrer oder Buchhalter durch die Digitalisierung der Arbeitswelt zum großen Teil überflüssig werden, dann braucht es breit angelegte Umschulungsprogramme, um Betroffene für andere Berufe fit zu machen, in denen Personalmangel herrscht.
Ein Thema, das übrigens auch vor dem Hintergrund der jüngsten Migrationswelle nicht zu unterschätzen ist.
Größere Reserven schlummern auch noch in der Struktur des Erwerbslebens: Untersuchungen zufolge gibt es allein 750 000 teilzeitbeschäftigte Frauen, die gern länger arbeiten würden, es aber nicht können, weil ihr Unternehmen keine Möglichkeiten dafür sieht. Das ist sehr kurzsichtig.
Ein grundlegendes Problem besteht allerdings auch darin, dass sich Politik gern für die wachsende Zahl der Studienanfänger feiern lässt, obwohl viele unter ihnen für einen soliden Berufsabschluss womöglich besser geeignet wären. Die Berufsorientierung sollte demnach verstärkt in den Gymnasien Einzug halten.

Kurzum, es gibt viele Möglichkeiten, die jetzt schon vielerorts angespannte Fachkräftesituation zu entschärfen. Sie müssen nur konsequent genutzt werden. Das wäre wirklich ein Fortschritt.

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