1. Meinung

Verteufeln hilft niemandem

Verteufeln hilft niemandem

Für jede Art von Arzneimittel gilt, dass man es nicht leichtfertig anwenden sollte. Gegen Kopfschmerzen hilft manchmal auch frische Luft, einer Bronchitis kann man zumindest versuchsweise mit Kräuterbädern zuleibe rücken, und bei schlechtem Schlaf sollte man vielleicht erst die Matratze wechseln, bevor man zum Valium greift.


Verantwortungsvolle Ärzte werden das ihren Patienten auch so vermitteln. Und trotzdem käme niemand auf die Idee, es als Missbrauch zu bezeichnen, wenn der Doktor bei anhaltenden körperlichen Beschwerden ein Medikament verordnet.
Geht es aber um psychische Krankheiten, wird anders gedacht. Vielen fällt es immer noch schwer zu begreifen, dass manche Erkrankungen, die wir einer wie auch immer gearteten Seele zuschreiben, eine Folge chemischer Prozesse sind - mithin eine Art körperliches Leiden. Auch da gilt: Auf Spatzen sollte nicht mit Kanonen geschossen werden. Aber wenn ein Medikament bei sorgfältig ermittelter Indikation eingesetzt wird, ist es in der Regel sinnvoll.
Um letzteres sicherzustellen, hat der Gesetzgeber verfügt, dass nur Fachärzte Ritalin verschreiben dürfen. Das ist gut so. Wer trotzdem massenhaften Missbrauch unterstellt, attestiert den in diesem Bereich ausgebildeten und qualifizierten Ärzten eine bewusste Pflichtverletzung. Mit der gleichen Logik könnte man unterstellen, einem AOK-Chef ginge es weniger um das Wohl seiner Versicherten als um das seiner Kasse.
Diese ganzen Scheingefechte erweisen den von einer ADHS-Erkrankung betroffenen Familien einen Bärendienst. Zu den oft ohnehin kaum bewältigbaren Belastungen kommt der (meist unausgesprochene) Vorwurf, sie setzten ihre Kinder leichtfertig einer gefährlichen Behandlung aus, um sie bequem ruhigzustellen - oder sie reagierten hysterisch auf eine eingebildete Modekrankheit.
Das mag es geben. Aber für das absolute Gros der betroffenen Eltern ist Ritalin der verzweifelte Versuch (nach vielen anderen), ihren Kindern ein halbwegs normales Leben zu ermöglichen. Und oft auch die Voraussetzung, mit den Kindern überhaupt an der Krankheit arbeiten zu können.
Diesen Familien hilft auch das kulturkritische Beschwören der allseitigen Beschleunigung und Stressvermehrung wenig - so sehr es stimmen mag. Gesellschaftskritik ist wohlfeil, aber bis sich da Veränderungen ergeben, sind die betroffenen Kinder längst Erwachsene.
Es bleibt dabei: Der Einsatz von Medikamenten muss sorgsam abgewogen sein und von intensiven Bemühungen im Lebensalltag begleitet werden. Aber Verteufeln hilft keinem.
d.lintz@volksfreund.de