Vertrauensfrage

Vertrauensfrage

Obama ist ein glänzender Redner und Visionär. Das hat er nun erneut vor dem US-Kongress bewiesen. Und er ist auch ein Politiker, der Einsicht übt und Strategien neu ausrichtet.

Alles soll sich in diesem Jahr also nun um das Thema Arbeitsplätze drehen, andere Probleme rücken in den Hintergrund. Denn der US-Präsident weiß genau: Anders als bei der umstrittenen Gesundheitsreform, an der die Bürgermehrheit kein Interesse hat, kann sich die bisher ganz auf Blockade eingestellte Opposition seinen Vorschlägen für eine Job-Offensive nicht verwehren, ohne größere politische Risiken einzugehen. Dass Obama so lange gewartet hat, um diese Priorität anzugehen, muss man seiner politischen Unerfahrenheit, aber auch seiner Beraterschar zuschreiben.

Hat ihm denn niemand gesagt, wie es auf den Bürger der von Obama vielzierten "Mittelschicht" wirken muss, wenn die Regierung mit aller Kraft und Milliardensummen hochverschuldete Banken, Versicherungskonzerne und Autofirmen rettet, aber den Kampf für John und Jane Doe, also den ganz gewöhnlichen Wähler, vernachlässigt? Und hat ihm niemand gesagt, welch unglaubwürdigen Eindruck es macht, wenn er einerseits seine Regierung mit Wall Street-Insidern bestückt, aber gleichzeitig wortgewaltig gegen die Banken und deren Boni zu Felde zieht?

Bill Clinton, dem das Volk trotz des Lewinsky-Skandals Bestnoten für seine Amtszeit gab, hat das legendäre Sprichwort geprägt: "Es ist die Wirtschaft, Dummkopf!" Daran entscheide sich letztlich Wohl und Wehe eines Präsidenten. Nun, angesichts weiterhin hoher Arbeitslosigkeit im Land an einem kritischen Punkt der Präsidentschaft angelangt, hat Barack Obama sein Programm neu kalibriert, sich wie einst im Wahlkampf als Bürger-Anwalt präsentiert und gleichzeitig die Vertrauensfrage gestellt. Doch Zweifel haben bereits Fuß gefasst, ob sich die in den ersten zwölf Monaten auf vielen Feldern sichtbar gewordene Kluft zwischen Worten und Taten noch überbrücken lässt.
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