(Video) Dreyers Kraftakt - Die SPD hat das Ruder in letzter Minute herumgerissen

(Video) Dreyers Kraftakt - Die SPD hat das Ruder in letzter Minute herumgerissen

Am Ende war es eine Persönlichkeitswahl. Lag die rheinland-pfälzische CDU mit Herausforderin Julia Klöckner noch vor drei Wochen in Umfragen komfortabel vor den regierenden Sozialdemokraten, gelang es der SPD-Spitzenkandidatin Malu Dreyer in letzter Minute doch noch, das Ruder herumzureißen - und das mit unerwartet gutem Ergebnis.

Dreyer, die ihr politisches Schicksal vom Ausgang dieser Wahl abhängig gemacht hatte und nicht müde geworden war zu betonen, dass sie einzig und allein für ihr derzeitiges Amt, nämlich das der Ministerpräsidentin, zur Verfügung stehe, spielte mit vollem Einsatz auf der Klaviatur ihrer hohen Popularitätswerte. Die Rechnung ,,ganz oder gar nicht" ging auf. Nach einem Vierteljahrhundert ununterbrochener Regierungsverantwortung wird auch das nächste Kabinett von der SPD angeführt werden.

In Zeiten großer Umbrüche und noch größerer Unsicherheit haben sich die Rheinland-Pfälzer mehrheitlich für das Vertraute entschieden.

Dreyer war es ohne viel Getöse gelungen, das von Vorgänger Kurt Beck geerbte Dauerthema um das Millionen-Grab Nürburgring abzuräumen und in einem Aufwasch ihr Kabinett umzubilden. Die Härte, die sie damals zeigte, hatten ihr nur wenige zugetraut. In der zuletzt alles beherrschenden Flüchtlingsfrage stand sie - ebenso wie ihr grüner, ebenfalls siegreicher Kollege Winfried Kretschmann aus Baden-Württemberg - fest zum Kurs von CDU-Kanzlerin Angela Merkel. Das brachte ihr die Haltungsnote eins ein. Und Siegerinnen fragt man nicht danach, was sie vielleicht auch falsch gemacht haben könnten.

Für Julia Klöckner ist die neuerliche Niederlage weit bitterer als die vor fünf Jahren. Damals hatten die Auswirkungen der Atomkatastrophe von Fukushima die ambitionierte CDU-Politikerin ausgebremst. Die Grünen, bis dahin muntere außerparlamentarische Opposition, fanden sich plötzlich mit einem Ergebnis von über 15 Prozent als Juniorpartner der Sozialdemokraten in der Regierungsverantwortung wieder.

Dieses Mal hat Klöckner es selber verbockt. Ihr Schlingerkurs in der Flüchtlingsfrage zwischen Angela Merkel und dem schärfsten unionsinternen Kanzlerinkritiker Horst Seehofer brachte ihr den Vorwurf der Unberechenbarkeit ein. Der Versuch, ihre Loyalität gleichmäßig auf zwei entgegengesetzte Pole zu verteilen, musste schief gehen. Die Frau, die sich auf Wahlplakaten bereits als nächste Ministerpräsidentin angekündigt hatte und auch im Berliner Regierungsviertel hoch gehandelt worden war, ist in diesem bundesweit ersten politischen Frauenduell nicht an mangelndem Talent, sondern an heißspornig verspielter Glaubwürdigkeit und wachsender Nervosität gescheitert.

Von den Vorschusslorbeeren, mit denen die Grünen vor fünf Jahren bedacht worden waren und die tatsächlich nicht ihrer Bedeutung entsprachen, ist nicht mehr viel übrig geblieben. Ein fünfter Platz hinter der rechtspopulistischen AfD und der wieder erweckten FDP ist aus der Position einer Regierungspartei heraus eine Schmach. Zuletzt mussten die Grünen sogar noch darum bangen, überhaupt wieder den Einzug in den Landtag zu schaffen. Ironie des Schicksals, dass sie dieses Mal ausgerechnet dafür abgestraft wurden, wofür sie seinerzeit gewählt worden waren: die Einleitung der Energiewende. Unter anderem die hohe Zahl an Windrädern im Land brachten der Öko-Partei viele Bürgerproteste ein.

Entgegen anderslautender Vorhersagen hat die rheinland-pfälzische AfD aus dem Stand heraus ein zweistelliges Ergebnis eingefahren. Sie ist drittstärkste Kraft im Parlament. Auch wenn sie sich bis jetzt einen betont bürgerlichen Anstrich gaben, hat es den Rechtspopulisten nicht geschadet, dass sich die NPD nahe an sie herangerobbt hatte. Wer AfD wählte, hat ohnehin nicht das Programm gemeint, sondern Protest und stramm rechten Anti-Merkel-Kurs.

Die FDP ist wieder da und hat sogar gute Chancen, mitregieren zu können. Die Freidemokraten um ihren Spitzenkandidaten Volker Wissing verdanken ihren Neustart unter anderem der Unzufriedenheit der Wirtschaft mit der grünen Wirtschafts- und Energieministerin Eveline Lemke. Die war denn auch in diesem Landtagswahlkampf Hauptangriffsziel der Liberalen. Sollte es nicht doch noch zu einer rot-schwarzen Koalition kommen, wäre Wissing in einem Ampelbündnis aussichtsreicher Kandidat für das Wirtschaftsressort.

Eine tragende Rolle spielten in diesem Wahlkampf auch die sozialen Medien. Die Parteien nutzten sie eifrig zur Verbreitung schneller Werbebotschaften. Ihr Spitzenpersonal wurde darin aber auch Opfer heftiger Hetz- und Hassattacken.

Mit dem Erstarken von Rechtsaußen ist das Klima rauer geworden - auch im ansonsten so harmonieliebenden Rheinland-Pfalz.

i.funk@volksfreund.de

Mehr von Volksfreund